close-up die auger eines frauengescites. Augen sind verschwommen und gedoppelt

Kolumne #embracethechaos: What’s the f***ing plan, universe?

Es ist Sonntag, der 03. Januar 2021 und ich bin viel zu spät dran mit dem Text für die neue Ausgabe. Nach drei Tagen Migräne kann ich erst langsam wieder normal denken. Silvester habe ich verpennt, mir fast den kleinen Finger abgesäbelt und mich mit Lockdown-Realitäten rumgeschlagen. Ansonsten schlug mir auch die Wirklichkeit mehrere Male ins Gesicht und ich versuchte immer wieder herauszufinden, was das Universum eigentlich mit mir vor hat.

Meine begnadeten Hausfrauentätigkeiten

Es begann damit, dass ich mir als begnadete Hausfrau so dermaßen den kleinen Finger aufsäbelte, das ich einen Workshop absagen musste. Ich fasste an dem Tag beherzt in den Mülleimer und direkt in eine Konservendose hinein. Das Blut schoss nur so aus meinem kleinen Finger hinaus und nach zehn Minuten sah ich in der einzigen brauchbaren weißen Bluse, die ich noch habe, so aus als hätte ich jemanden abgestochen. Traurig blickte ich auf die Fingerkuppe, die da so hing. 

Ich entschied mich für selbst zusammenkleben, statt Krankenhaus. Warum? Ich hatte einfach keinen Bock ein Krankenhaus zu betreten. Der Finger zwang mich ein paar Sachen abzusagen. Darin bin ich ja, wie wir alle bereits geübt, und doch nervte gerade das besonders. Ich lernte außerdem, dass er, also der kleine Finger, doch so einige Aufgaben erfüllt. Beim Kopfwaschen hatte ich das Gefühl mir fehlte was und der hinabschauende Hund stand schräg. Ähnlich schräg stand es um mein Inneres. 

Bis zu den Weihnachtstagen schlug ich mich die ganze Zeit mit der Frage rum, wie wir dieses Jahr als Familie am besten feiern. Allein? Mit Großeltern und Schwester? Alleine mit spanischer Schwiegermutti? Es war ein Hin und her – sinnbildlich für das ganze verkorkste Jahr. Am Ende haben wir die gesehen, die am wichtigsten sind. Unter anderem meine über 90-jährige Oma, die nach einem schweren Sturz ans Bett gefesselt ist und dennoch nicht aufgibt. Meistens zumindest. Sie stand an diesem Tag für mich auch sinnbildlich für dieses Jahr. Shit Happens, aber irgendwie müssen wir dadurch. 

Wenn dir die Wirklichkeit hart ins Gesicht schlägt

Im Dezember und mit dem zweiten Lockdown schlug mir die Wirklichkeit aus „Kleine Familie mit Arbeit und geschlossener Kita in einer Wohnung“ jeden Tag hart ins Gesicht. Ich wünschte mich zurück nach Dubai, wo wir Weihnachten als Paar am Strand lagen, uns um nichts kümmerten und uns am Abend gepflegt einen hinter die Binde kippten. Ich stellte fest, wir haben kaum noch Zeit als Paar, wir haben aber auch kaum Zeit allein. Es gab keine Rückzugsmöglichkeiten. Außer meiner Yogamatte und den Kopfhörern, die ich mir aufsetzte. Dann hatten wir auf einmal die Chance auf ein tolles Häuschen, wir fieberten, wir planten und bäm, sie löste sich so schnell wieder auf, wie sie gekommen war.

Einen Tag später las ich auf Instagram, dass Gute an der Spiritualität sei, dass sie uns lehre, das alles für etwas gut sei. Wir müssten dann nicht mehr trauern, wenn etwas nicht klappt, sondern würden verstehen, dass das Universum einen anderen Plan hat.  Ja, das sehe ich auch so. Aber ich habe getrauert und irgendwie frage ich mich gerade generell sehr oft: „What’s the fucking plan?“

Ich finde den Rückzug und die Ruhe zu der uns Corona zwingt eigentlich gar nicht so schlecht. Ich habe kein Problem mehr mit Ruhe, fast kommt es mir so vor, als hätte ich mit meiner Yogapraxis für den Ernstfall geprobt. Ich könnte ganz viel Yoga machen, meditieren, an Online-Workshops teilnehmen, lesen und und und. Die Betonung liegt natürlich auf „könnte“, denn mit Kind ist das alles eine Herausforderung. Ich versuchte immer wieder den Dingen etwas Gutes abzugewinnen – aber „holy shit“ mit Mann & Kind plus angereister Schwiegermutti in den Weihnachtstagen im Lockdown – es gelang mir zweitweise.

Silvester – während dem Kochen schrie das Kind, während dem Essen stritten wir

Ich freute mich auf einen entspannten Silvesterabend mit dem Mann allein. Der Plan: Gemeinsam kochen, sich einigermaßen hübsch füreinander anziehen, das Kind um 20 Uhr ins Bett bringen und dann einfach Zeit zu zweit. Das Kind bekam auf einmal Schüttelfrost und 40 Fieber. Es schlief bereits um fünf, wurde dafür aber auch alle zwei Stunden wach. Ich trug um 20.30 Uhr noch immer meine Yogaleggins und ein graues T-Shirt mit Flecken. Während dem Kochen schrie das Kind, während dem Essen stritten wir – es war richtig entspannt. Wir fingen uns wieder und ließen das alte Jahr Revue passieren. Da, an diesem Abend mit dem Mann und einem Glas Rose, wurde mir wieder bewusst, was das für ein verrücktes Jahr war. Ich sah die guten Dinge, das pure Glück, die Dankbarkeit und den großen Unterschied zu 2019. Um 23.40 wurde das Kind wach und ich schuckelte mich mit ihm in den Schlaf. Um 24.00 aß mein Mann die 12 Trauben zu jedem Glockenschlag (die Spanier!) alleine, um 24.15 kam ich dazu, nippte an meinem Sektglas und legte mich mit Bauchschmerzen zu meinem Kind. It’s a rock’n’roll life, what should i say?

Die ersten Tage des Jahres zwang mich der Körper mit einer wirbelsturmartigen Migräne so dermaßen in die Knie, das ich mich über -und ergeben musste. Wieder sagte ich Dinge ab, war ans Bett gefesselt und vertraute darauf, dass es besser wird. Und wie immer konnte ich auch daraus etwas lernen:
Gesundheit ist das höchste Gut, das wir haben. Wir können mit allem anderen im Leben nix anfangen, wenn wir nicht gesund sind. Das war dir auch schon vorher klar? Ich muss sagen, dass ich es ganz schön oft vergesse.

Ich fasste den Plan in jedem Monat des neuen Jahres einen „Simone-tut-nichts-Tag“ einzulegen. Ein kompletter Tag ohne Projekte, ohne Ideen, ohne Handy. Einfach nur da sein, sehen, atmen, essen, schlafen. Das Leben umarmen und nicht hadern. Punkt. Aus. Ende. That’s the f***ing plan.

Ich wünsche uns und euch ein fantastisches Jahr 2021!

Titelbild @ Elia Pellegrini via Unsplash

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