Zack, erleuchtet: Wie arbeiten wir erfüllt?

In unserer Rubrik „Zack, erleuchtet“ laden wir jeden Monat eine Coachin ein, eine Antwort auf die Frage der Ausgabe zu formulieren. Dieses Mal haben wir einen besonderen Gast: Frau Dr. Beate West-Leuer ist Psychologische Psychotherapeutin, Senior Coach, Supervisorin und Lehrbeauftragte der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und beantwortet mit einem besonderen Text, wie wir erfüllt arbeiten.

Wie gelingt Erfüllung bei der Arbeit?

Homo ludens und Homo faber im Gespräch über ihren Einfluss auf Mensch und Arbeit

Jeder Mensch wünscht sich eine Arbeit, die Erfüllung, und Befriedigung beschert. Bei diesem Wunsch treffen in unserem inneren Erleben zwei Kontrahenten aufeinander: Homo ludens [1] erforscht in zweckfreier Beschäftigung die Welt und auch sich selbst. Homo faber* [2] dagegen verfolgt mit jeder Tätigkeit ein bestimmtes Ziel und hat dabei die Absicht, die Umwelt durch seine Arbeit zu verändern. In jedem Menschen treffen diese beiden motivationalen Systeme aufeinander. Denn beide beanspruchen, ein Garant für Erfüllung zu sein. Hier beginnen sie nun ein Gespräch.

Homo ludens: Die Digitalisierung schreitet unaufhaltsam fort. Dieser Trend wird sich auch nach Bewältigung der Corona-Krise fortsetzen. „Home office is here to stay.“ Bald gibt es die Möglichkeit, Dich, Homo faber, hinter uns zu lassen, und endlich das zu werden, was wir eigentlich sind, der Homo ludens.

Homo faber: Das wird nicht gelingen. Auch KI hat nicht das Zeug, mich zu ersetzen. Erwerbsarbeit mag überflüssig werden, sinnstiftende Tätigkeit bleibt ein Fundament unserer Zivilisation. Sie schafft Werke und Werte und ist dadurch die Selbstwertressource per se.

Homo ludens: Mein Spiel erfüllt keinen bestimmten Zweck. Mein Spiel macht Spaß. Ganz zufällig erlange ich zu wesentlichen Erkenntnisse über die Welt, und auch über mich selbst. Dazu muss ich nicht „ernsthaft“ arbeiten. Die Zwänge der äußeren Welt begegnen mir im Spiel. Das stimmt. Doch gelingt es mir, äußere Hindernisse fantasievoll und träumerisch, nennen wir es „Flow“ oder „Reverie“, zu überschreiten.

Homo faber: Denkst Du, ich spiele nicht? Aber mein Spiel ist zweckgerichtet, das heißt auf meine Arbeitsaufgabe hin ausgerichtet. Eine verlässliche „Spielabfolge“ hilft mir, meine Arbeit zu erledigen. Und wenn ich nicht sofort verstehe, welche Hindernisse sich mir in den Weg stellen, kann ich die Spielabfolge wiederholen oder verändern. So kann ich lernen, Arbeitsabläufe und Ergebnisse zu optimieren.

Homo ludens: Du definierst Arbeit als zweckgebundenes Spiel! Aber ich spiele um zu spielen, nicht um zu arbeiten. Ziele erreichen zu müssen, macht Stress. Es macht auch Angst zu versagen. 

Homo faber: In gewisser Weise hast Du schon recht. Wenn ich mein Ziel nicht erreiche, dann bin ich nicht zufrieden. Und wenn ich Arbeiten verrichte, die mich nicht interessieren, dann bin ich schlecht gelaunt und gelangweilt. Das passiert in der Tat recht häufig. Doch wenn ich eine Arbeit abschließe, sei es ein Projekt, ein Werkstück oder eine Dienstleistung, dann bin ich glücklich. Ich habe ein Werk geschaffen, das auch unabhängig von mir existiert. Es steht für sich. Diese Art der Erfüllung kannst Du in Deinem Spiel nie erreichen.

Homo ludens: Ohne die frühen Erfahrungen mit zweckfreiem Spielen würdest Du kein Werk vollenden. Eine kleine Lektion aus dem Feld der Neurobiologen: Das zweckfreie Spiel ist der zentrale Vorgang beim Lernen, vor allem durch die beteiligten lustvollen Gefühle.

Homo faber: Vergiss nicht, diese Erkenntnisse der Neurobiologen waren das Ergebnis harter wissenschaftlicher Arbeit. Und wenn ein Wirtschaftsnobelpreis an Spieltheoretiker verliehen wird, dann, weil sie Spielregeln aufgestellt haben. Diese Regeln haben den Zweck, wirtschaftlich optimale Ergebnisse zu erzielen.

Homo ludens: Dein Ziel ist die kontrollierte Selbstoptimierung. Doch das Leben verläuft nicht koordiniert und regelgerecht. Lebende Systeme befinden sich fortwährend am Rand des Chaos, sagt der Atomphysiker Hans-Peter Dürr.  Auch aktuell, unter dem Einfluss einer unberechenbaren Virus-Pandemie, sind unsere Gesundheit, die politische Lage, persönliche Beziehungen und die berufliche Arbeit mit ungewissem Ausgang betroffen.

Homo faber: Die Realität, in der wir leben, ist bedrohlich und wird von vielen Menschen auch so erlebt. Pandemie und Klimawandel können nicht einfach nur spielerisch „im potentiellen Raum des Flows und der Reverie“ überwunden werden. Wir müssen unsere Kreativität zweckgebunden nutzen, auf der Suche nach „Gegenmittel“.  

Homo ludens: Angstgetrieben wird die Bekämpfung der Pandemie nicht gelingen. Ich experimentiere mit freien Einfällen. So gelingt der Umgang mit den vielen Ungewissheiten im Leben. In unserem spielerischen Dialog über Erfüllung bei der Arbeit sind wie zufällig bei der aktuellen Situation gelandet. Das zeigt, Spielen entschärft Angst. Im Spiel „vergessen“ wir unsere Angst. Anstatt die Bedrohlichkeit der Situation zu verleugnen, können wir nach konstruktiven Lösungen forschen.

Homo faber: Du siehst, das Gegenteil von Spiel ist nicht Ernst, sondern Realität. Geeignete „Gegenmittel“ schnellstmöglich zu entwickeln, ist eine große Herausforderung, von außen an die Menschen herangetragen, nicht selbstgewählt. Die damit verbundenen Hoffnungen können „erfüllt“ werden, wenn wir beide, Homo ludens und Homo faber zusammenarbeiten. Das zweckfreie Spiel hält die Angst in Bann, im zweckgerichtete Spiel können von den Menschen dann – die Angst im Zaum – zum Bei-Spiel im Gesundheitsbereich, in der Wirtschaft, in der Politik, befriedigende Lösungen gesucht und gefunden werden. Das nenne ich Erfüllung bei der Arbeit.  

Das Gespräch über Erfüllung bei der Arbeit hat ungeahnt und ungeplant ins Zentrum aktueller gesellschaftlicher Aufgaben und Arbeiten geführt. Als Antwort auf die eingangs gestellte Frage gibt der Dialog der beiden motivationalen Systeme „Homo ludens und Homo faber“ die Antwort: Erfüllend ist Arbeit immer dann, wenn der Umgang mit ihr spielerisch ist. Das gilt gerade auch für Krisenzeiten, wenn die kollektive Angst dem zweckfreien Spiel kaum Raum einzuräumen scheint.

Literatur:
Freud, Sigmund 1927/1994: Die Zukunft einer Illusion. Frankfurt/Main: Suhrkamp.
Kögler, Michael (Hrsg.) (2009): Möglichkeitsräume in der analytischen Psychotherapie. Gießen: Psychosozial.


[1] Der Homo ludens (dt. der spielende Mensch) ist ein Erklärungsmodell, wonach der Mensch seine kulturellen Fähigkeiten vor allem über das Spiel entwickelt (Homo ludens – Wikipedia).  

[2] Der Homo faber (lat., ‚der schaffende Mensch‘ oder ‚der Mensch als Handwerker‘) wird benutzt, um den modernen Menschen von älteren Menschheitsepochen durch seine Eigenschaft als aktiver Veränderer seiner Umwelt abzugrenzen (Homo faber – Wikipedia).

Über Beate West-Leuer:

Dr. Beate West-Leuer ist Psychologische Psychotherapeutin, Senior Coach (DBVC), Supervisorin (DGSv), Lehrsupervisorin, Lehrbeauftragte der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Dozentin an der International Psychoanalytic University Berlin (IPU), stellv. Vorsitzende der Akademie für Psychoanalyse und Psychosomatik, e.V. und Leiterin des  Instituts Psychodynamische Organisationsentwicklung + Personalmanagement, e.V. (POP). Ihre Forschungsschwerpunkte sind Psychodynamisches Business-Coaching, Psychoanalyse + Film. Sie leitet außerdem die Redaktion der Zeitschrift „Agora. Düsseldorfer Beiträge zu Psychoanalyse und Gesellschaft“.

Weitere Informationen zu Frau Dr. West Leuer gibt es auf ihrer Website und beim POP Institut Düsseldorf.

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