Berger Hintergrund mit einem Bild von SImone Lopez Sanchez. Eine Quote daneben die sagt: "Irgendwann wird uns die Kontrolle entrissen, eine andere Macht übernimmt und dann ist es gut, wenn wir das Loslassen geübt haben." #embrace the Chaos

Kolumne #embracethechaos: „Schatzi, ich verstehe dich. Alles wird gut.“

In diesem Monat wurde Simone einmal mehr bewusst, warum es so wichtig ist, ein gutes Verhältnis zum eigenen Körper zu haben und warum wir dringend positiven Selftalk üben müssen. Was das Ganze mit der Vergangenheit, einem Universitätsschwarm und einer grandiosen aber traurigen Oma zu tun hat, erfahrt ihr in der Kolumne.

Zack, auf einmal landete ich gedanklich in der Vergangenheit. Bei Menschen, die früher mal eine Rolle gespielt und sich dann auf die ein oder andere Weise verabschiedet hatten. Wie das Leben so spielt. Ganz komisch hat sich das angefühlt, ich wurde fast wehmütig. Da ich aber nicht an alten Gedanken festkleben wollte, wie Hundekacke unter den Schlappen, mit denen ich hoffentlich bald beschwingt durch die Sonne spaziere, schob ich sie sachte beiseite. Zulange an alten Gedanken zu kleben, von denen wir nicht mal wissen, ob sie wahr sind, macht Probleme im Hier und Jetzt. Außerdem hatte ich noch zwölftausend Dinge zu erledigen: Wäsche waschen, Staubsaugen, Küche aufräumen, Geschenke besorgen und das Kind von der Kita abholen.

Erfrischend wie eine kalte Dusche

Wie durch Zauberhand traf ich durch eine Recherche zum Thema Hypnose auf eine alte Studienfreundin. Wir hatten uns Jahre nicht gesehen oder gehört, so viel war in unser beider Leben passiert. Das Telefonat mit ihr war so vertraut, als hätten wir uns nur kurz aus den Augen verloren. Das hat mich glücklich gemacht und wieder schwelgte ich in der Vergangenheit. Im Podcast ging es weiter, denn auch hier sprach ich mit einer Frau, die ich aus dem Studium kannte. Innerlich fühlte ich mich ins Universitätsgebäude zurück katapultiert. Ich sah die Hallen, die Stühle, die Räume und die Bibliothek. Ich sah den Mann, für den ich während meiner Magisterarbeit so schwärmte, den ich am letzten Tag auf einer Abschlussparty knutschte und der so unendlich traurig wirkte. Dann klingelte mein Telefon und ein ganz alter Freund plauderte durch die Leitung, als wäre es erst gestern gewesen. Dabei liegt unser letztes Treffen Jahre zurück. Wir mussten uns kurz fassen, hatten beide Kinder von der Kita abzuholen, aber es war so schön erfrischend. Ich fühlte mich wie nach einer kurzen kalten Dusche und saß trocken in meinem Auto.

Kurz überlegte ich, ob ich die Zeit einmal zurückdrehen möchte? Nein, auf keinen Fall. Für mich war die Zeit des Studiums eine persönlich schwierige Zeit. Das war von außen nicht sichtbar, aber mir ging es die meiste Zeit nicht gut. Das Verhältnis zu meinem Körper war schlecht, von Selbsthass und Kontrolle geprägt. Ich machte Sport um abzunehmen, nicht um mich wohl zu fühlen. Ich hasste meinen Körper. Ich gönnte ihm keine Pause. Ich gönnte ihm auch nicht das Essen, das ich zu mir nahm. Ich versuchte auf allen Ebenen klar zu kommen. Ich besuchte das erste Mal in meinem Leben einen Therapeuten, der mir nur bedingt helfen konnte. Heimlich schlich ich mich bei ihm rein und heimlich wieder raus. Es war mir damals peinlich, dass es jemand sehen könnte. Heute frage ich mich: Warum tun wir uns so schwer zu zeigen, wenn innerlich alles in Scherben liegt?

Was mir Gold wert ist

Das Verhältnis zu meinem Körper hat sich in den letzten zehn Jahren massiv verändert. Ich weiß, was er braucht und akzeptiere, wie er tickt. Ich achte auf ihn. Versuche zu akzeptieren, wenn er eine Pause braucht. Ich fühle mich weder zu dick, noch zu dünn, zu viel oder zu wenig. Wenn ich mal nicht verstehe, warum der Körper mit Schmerzen reagiert, versuche ich zuzuhören. Klappt nicht immer. Weil man fürs zuzuhören Zeit braucht und die fehlt mir manchmal. Aber ich habe verstanden, was ich für mein Körperwohlgefühl brauche. Und das ist Gold wert.

Während ich all das denke, bin ich auf dem Weg zu meiner 92-jährigen Oma. Die ist ebenfalls Gold wert. Ach, mehr als das. Ihr Körper löst sich langsam auf. Sie sitzt vor mir, weint eine dicke Träne und sagt: „Ich möchte jetzt gehen.“ Der Körper schmerzt, sie hat ein blaues Auge, weil sie aus dem Bett gefallen ist. Da sitzt eine Frau, die vieles miterlebt und vieles gemeistert hat. Am Ende ihres Lebens macht der Körper nicht mehr, was sie will. Ich nehme ihre Hand, drücke sie fest und versuche sie zu trösten. Wie tröstet man eine Frau, die mit 92 Jahren einfach nicht mehr leben möchte? Ich versuche alles, was ich habe, in diesen einen Moment zu legen.

Mir wird klar, wie gut es ist, wenn wir aufhören den Körper zu kontrollieren. Wenn wir von der Vorstellung ablassen, wie er auszusehen hat. Wenn wir davon ablassen, dass er Dinge tun soll, die ihm nicht gut tun. Denn irgendwann wird uns die Kontrolle entrissen, eine andere Macht übernimmt und dann ist es gut, wenn wir das Loslassen geübt haben. Wenn wir weich wie Butter mit uns selbst sind, wenn wir den Atemzügen erlauben uns im Inneren zu streicheln und zu uns selbst sagen „Schatz, ich verstehe dich. Alles wird gut.“

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