Genogrammarbeit – ein ehrlicher Blick auf die eigene Geschichte

Auf die Frage „Wer bin ich?“ gibt es unzählig viele Antworten und jeder beantwortet sie ein Stück weit anders für sich. Besonders spannend ist die Frage, wo wir herkommen und wie diese Herkunft dafür sorgt, wer wir sind. Welchen Einfluss haben unsere Familien und unsere Gene auf uns und unser Verhalten? Inwieweit sind wir durch das, was Generationen vor uns passiert ist und was wir vielleicht nur erahnen können, gesteuert? Wirken sich schlimme Ereignisse, die nicht aufgelöst werden, auf nachfolgende Generationen aus? Ein Ausflug in die Genogrammarbeit.

Der 30. Geburtstag ist für viele ein guter Grund zu feiern. Endlich raus aus den unsicheren 20ern, in denen man sich ausprobiert und viel gefeiert hat, rein in einen neuen Abschnitt, in dem viele Menschen Familie gründen, Kinder bekommen oder eine Karriere hinlegen. Der 30. Geburtstag klingt noch jung und knackig, denn ab dem 40. gehen für viele „Happy“ und „Birthday“ getrennte Wege. Bei mir fiel an besagtem 30. Geburtstag nicht nur in der Küche die Spülmaschine um und der Inhalt lag in Scherben vor mir auf dem Boden, auch mein Innerstes war in Scherben zersprungen.

Ich hatte den Job geschmissen, nahm eine Auszeit, startete eine Therapie und saß abgesehen von einer neuen Liebe auf dem Scherbenhaufen namens Leben. Zu dieser Zeit fühlte sich alles nach Versagen an, ein Problem reihte sich an das Nächste. Rückblickend war es sehr wichtig, dass mir genau das passierte, aber in dem Moment war ich einfach nur am Boden zerstört und fing an mich noch intensiver mit meiner Geschichte auseinander zu setzen. Was hatte mich hierher gebracht? Warum flog mir mit voller Wucht nicht nur die Spülmaschine entgegen, sondern auch mein halbes Leben?

Mehr als ein aufgezeichneter Stammbaum

Diese Frage brachte mich zum einen zu Ramana Maharshis Ahsram in Indien, wo ich betete, den Boden schrubbte, Affen fütterte und indische Lieder sang, von denen ich nicht eine Zeile verstand. Sie brachte mich auch dazu, mich intensiver mit meiner Herkunft und meiner Familie zu beschäftigen. Ich stolperte über die Genogrammarbeit und erfuhr, dass es einen ganzen Coachingzweig aus dem Bereich der Familientherapie gibt, der die Familiengeschichte und Beziehungen darstellt, wiederholende Verhaltensmuster auswertet und analysiert. Genogramm-Arbeit ist mehr als ein aufgezeichneter Familienstammbaum – sie ist vielmehr eine wichtige Möglichkeit, um Zugang zu einer oder besser zur eigenen Familie zu finden.

Die Pionierin Monica Mc Goldrick erläutertet in ihrem Buch „Familie im Gepäck“, dass mit Hilfe der Genogrammarbeit Familienprobleme durch Zeit und Raum zurück verfolgt werden können. (Mc Goldrick, Monica: Familie im Gepäck, S. 546) Für mich war es bereits sehr augenöffnend die Geschichte meiner Eltern nochmal mehr zu verstehen und Fragen zu stellen. Durch eine Tante erfuhr ich außerdem Einzelheiten über meine Großeltern, die zuvor im Verborgenen geblieben waren und die mir halfen, Dinge klarer zu sehen. 

Was genau passiert in der Genogrammarbeit? 

Ein Genogramm ist eine Art Stammbaum, der in Symbolen dargestellt wird. Kreise stehen für Frauen, Vierecke für Männer und diese werden durch vertikale und horizontale Linien verbunden. Oben stehen die älteren Generationen, unten die jüngste Generation. Auch wichtige Bezugspersonen, früh verstorbene Mitglieder oder verschwundene Angehörige werden eingetragen. Auch die Art der Beziehungen oder wichtige Eckdaten werden dazu notiert. Meist passiert die Genogrammarbeit in mehreren Schritten, so definiert man mit einem Coach zuerst das Problem, dann wird ein Genogramm erstellt, das dann in einer weiteren Sitzung gemeinsam analysiert wird. Dabei wird sowohl das ausgewertet, was historisch beweisbar ist, wie zum Beispiel eine Flucht oder eine Kriegsteilnahme und alles, was an subjektiven Daten und Einschätzungen vorliegt. Mit Hilfe des Genogramms sollen Verhaltensmuster und psychologische Faktoren innerhalb einer Familie visualisiert und anschließend analysiert werden.

Alles wiederholt sich 

Auch Rosa Rechtsteiner, Autorin und Begründerin einer eigenen Methode (sie verbindet die beratende Genogrammarbeit mit lösender Energiearbeit) ist überzeugt, dass uns unsere Herkunftsfamilie mehr prägt, als uns bewusst ist. Vielmehr noch: „Übernommene Muster, Werte und Leitsätze, die oft über Generationen auf uns einwirken, begründen nicht nur unsere Stärken und Lösungsideen, sondern ebenso unsere Schwächen und Blockaden.“ (Mc Goldrick, Monica: Familie im Gepäck, S.30) Sie glaubt außerdem, dass es in Familien Muster gibt, die sich immer wiederholen und anhand derer man Faustregeln aufstellen kann. Die Genogrammarbeit eröffnet somit eine Chance sich eingehender mit der eigenen Herkunft zu beschäftigen und einen neuen Blick auf die eigenen Geschichte zu bekommen.

Wenn wir uns der Muster und Verstrickungen in der eigenen Familie bewusst werden, können wir den Raum für eigene Veränderung oder vielmehr noch, für Wachstum frei machen. Denn wenn wir etwas kennen, wenn wir es uns angeschaut haben, dann verstehen wir es und leiden nicht passiv darunter. Und ganz wichtig: Es geht dabei immer um Regeln, die unterbewusst wirken, nicht um Regeln, die eine Familie bewusst aufstellt. Dennoch werden sie immer wieder verbal oder nonverbal vermittelt. In einer Akademikerfamilie kann das zum Beispiel die unbewusste Regel sein, dass jemand der mit seinen Händen arbeitet, nicht dazu gehört.

Alldem liegt das tiefe Bedürfnis des Menschen zugrunde dazuzugehören. Der Sozialwissenschaftler Franz Keuper sagt: „Das Hauptbedürfnis des Menschen ist es, nicht isoliert zu sein oder allein dazustehen.“ Und weil wir dazugehören wollen, übernehmen wir Verhaltensweisen wie rauchen, trinken oder zu viel Essen. Aber auch die guten Dinge, wie eine gesunde Ernährung oder das gemeinsame Familienessen am Tisch. Es fällt uns schwer die Dinge anders zu machen und uns abzugrenzen. Ich kann dir aus eigener Erfahrung sagen: Es lohnt sich an der ein oder anderen Stelle, die Dinge anders zu machen und auf den Kopf zu stellen. Das Leben und das, was wir gelernt haben mal aus einer anderen Perspektive zu betrachten.

Was die Familie erwartet …

So denken wir vielleicht wir müssten im großen Kreis unseren Geburtstag feiern, weil es die Familie so tut, dabei wären wir lieber allein. Beides ist vollkommen ok: Am Geburtstag alleine in der Badewanne liegen oder ein rauschendes Fest zu feiern. Was für den einen nach Einsamkeit klingt, nämlich die Badewanne, ist für den anderen vielleicht ein großes Glück und ein langgehegter Wunsch. Vielleicht erlauben wir es uns nicht so richtig auszuruhen, weil wir aus einer Familie kommen, in der Aktivität an erster Stelle stand.

Das heißt wir tun es nicht, weil wir es nicht brauchen oder den Wunsch danach verspüren, sondern weil uns eine innere Dynamik davon abhält. Wir handeln sehr oft so, wie es unsere Familie erwartet. Das Verrückte: Es passiert rein gar nichts, wenn wir anders handeln. Entgegen der unterbewussten Annahme werden wir nicht verstoßen. Es führt eher dazu, dass in der Sippe ein Umdenken stattfindet. Wenn Menschen anders handeln, als sie es aus der Familie kennen, erleben sie oft Glück und viele schöne Dinge. Oft entsteht dann kurioser Weise eine Art Schuldgefühl oder gar Angst davor, dass das erlebte Glück nicht lange anhält. Sie fühlen sich schuldig, weil das eigene Leben vielleicht besser verläuft als das der Eltern. Denn wenn wir gelernt und erlebt haben das unsere Eltern ständig leiden, dann fühlt sich das, so paradox es klingt, auf eine gewisse Weise richtig an. Erst wenn uns jemand die Augen öffnet, dass das Leben sehr schön ist, können wir den Blick verändern. 

Die gute Nachricht: Wir können uns von vielen Dingen befreien, immer wieder den Blickwinkel ändern und am Ende ganz andere Wege gehen als unser Familie. Oder alles genauso machen, weil uns genau das glücklich macht. Wichtig ist, dass wir die Version finden, die uns unabhängig von genetischer Prägung und der Erwartung unserer Familie glücklich macht. 

Buchtipps:

„Das bleibt in der Familie“ von Rosa Rechtsteiner 
„Super-Gene“ von Deepak Chopra & Rudoplh E. Tanzi (Blikist)
„Dieser Schmerz ist nicht meiner“ von Mark Wolynn
„Das bleibt in der Familie“ von Sandra Conrad 

Titelbild © Dan Dennis via Unsplash

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