Warum suchen wir im Job so sehr nach Erfüllung?

Was ist das eigentlich Arbeit? Und warum suchen wir, in dem was wir tagtäglich tun so sehr nach Erfüllung. Muss uns der Job erfüllen und wenn ja, wie kann das gehen oder gibt es auch andere Wege zur Erfüllung? Wir gehen auf Spurensuche mit Nadja Juric, Rainer Kunst und Lisa Maria Kunst.

Ich glaube mein Großvater, der mehrere Kriege überlebt hat und eine Bimsbaufabrik besaß, hat sich selten oder nie in seinem Leben gefragt, ob sein Job ihn erfüllt. Er hat einfach gearbeitet, er hat einfach gemacht. Meine Großmutter, die Hutmacherin gelernt hat und später eine der Trümmerfrauen war, die nach dem Krieg mithalf aufzubauen und dann in einem Restaurant arbeite, auch nicht. Meine Oma ist jetzt über 90 Jahre, vielleicht frage ich mal nach: Omi, hat dich deine Arbeit erfüllt?

Eine Arbeit, die Freude macht

Heute ist das anders, heute wollen wir eine Arbeit, die Freude macht, mit der wir uns identifizieren können und die im besten Fall noch bedeutsam ist. Wir sehen unsere Arbeit nicht mehr nur als Broterwerb, wir wollen mehr. Das finden wir per se gut, denn warum soll immer alles so bleiben, wie es mal war? Und dennoch fragen wir uns manchmal, ob das eine zu große Erwartung an den Beruf ist. Können wir uns die Erfüllung vielleicht auch woanders holen, sozusagen nebenberuflich oder gilt es einfach nur lange genug zu suchen oder am eigenen Job zu schrauben, bis sich dieser erfüllender anfühlt?

Forscher haben übrigens herausgefunden, dass nicht die Art der Arbeit darüber entscheidet, wie Sinn erfüllend sie ist. Es ist auch und wie immer im Leben die Sichtweise, die uns dabei hilft die eigene Aufgabe als erfüllend zu erleben. Wie können wir den Blickwinkel ein kleines bisschen ändern und das, was wir tun als wertvoll empfinden? So können wir an fast jeder Tätigkeit etwas finden, das uns dabei hilft die Welt ein Stückchen besser zu machen und uns selbst als Teil eines großen Ganzen zu erleben. Oder wir machen es wie Nadja Juric, kommen aus unserer Komfortzone heraus und trauen uns die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

Das Streben nach Sinn und Erfüllung

Nadja Juric, studierte Physikerin und Yogalehrerin, hat in ihrer Freizeit ein Charity-Projekt gestartet. Die 28-jährige glaubt fest an das Prinzip der Resonanz. Je mehr wir es schaffen, Erfüllung in den einzelnen Komponenten unseres Lebens zu finden, desto glücklicher, ausgeglichener können wir sein und desto mehr sind wir imstande zurückzugeben. „Es ist unsere menschliche Natur, in unserem Leben nach einer Erfüllung oder einem bestimmten Sinn zu streben. Etwas zu tun, das zum Großen und Ganzen beiträgt, unserem Dasein Bedeutung schenkt und uns den Spielraum gibt, uns selbst und unser Potential auszuprobieren und zu entfalten.“

Viele der Jobs, die wir machen, haben eben keine gesellschaftliche Relevanz oder Bedeutsamkeit und dienen dazu unseren Lebensunterhalt zu finanzieren, da bietet es sich geradezu an sich ein Engagement in der eigenen Familie oder der Gesellschaft zu suchen. Nadja Juric ist auf den gemeinnützigen Verein Kumanga e.V. aufmerksam geworden, der sich für den Bau von Trinkwasserbrunnen in Malawi einsetzt. Die Spendengelder sammelt der Verein dadurch, dass in kooperierenden Cafés im Raum Düsseldorf für eine Spende gefiltertes Trinkwasser in beliebiger Menge ausgeschenkt wird. Die Tatsache, dass sie in ihrer Kaffeepause immer wieder daran erinnert wurde, dass fast 1 Milliarde Menschen weltweit heute immer noch keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben, hat sie dazu veranlasst, einen Weg zu finden, den gemeinnützigen Verein zu unterstützen.

Yoga for free – dafür ensteht ein Brunnen

Dazu hat sie in ihrer Freizeit Yogastunden angeboten und die Einnahmen zu 100% an den gemeinnützigen Verein gespendet. Das Ziel: 3.500 Euro, um daraus einen Brunnen zu bauen. Ein hoch gestecktes Ziel, vor allem an Tagen, wo auch mal keiner zum Yoga kam, aber Nadja hat auf diesem Weg viel gelernt: “In unserem alltäglichen Leben dreht sich nahezu alles immer um das Wechselspiel aus ‚etwas leisten und geben, um etwas zu bekommen‘. Es fängt an beim klassischen Lebensmitteleinkauf, geht über zu unserem Arbeitsverhältnis, den Zukunftsplänen bis hin zu zwischenmenschlichen Beziehungen. Es ist, wie unser gesellschaftliches Zusammenleben funktioniert – das hat auch etwas wunderschönes, da es uns alle auf eine gewisse Weise miteinander verbindet, dennoch kann es auf Dauer lästig sein, wenn jede zu treffende Entscheidung und jeder Akt abgewogen wird, was es uns im Gegenzug nutzen könnte.”

Im Karmadienst, dem freien Service für andere, sah Nadja dann eine Möglichkeit diesen Kreislauf zu durchbrechen. Sie hat für sich herausgefunden, dass dieser Dienst unter einen bestimmten Voraussetzung eine große Bereicherung ist: “Wenn wir das, was wir tun, komplett bedingungslos tun – ohne jegliche Erwartung an eine Gegenleistung. Wenn wir es tun, weil wir es in diesem Moment genießen und für richtig halten und weil wir daran glauben, dass es uns oder jemand anderem etwas Gutes bringt. “

“Ich sehe den Ansatz Free Service eher symbolisch und stellvertretend für eine grundsätzliche Lebenseinstellung.”

Nadja Juric

Was ihr geholfen hat am Ball zu bleiben? Sie hat sich immer wieder das Bild des Brunnens vor Augen geführt und es sich bis ins Detail bunt ausgemalt, um daran festzuhalten. Ihr wurde klar, dass ausschließlich sie selbst diejenige sein kann, die ihr beim Erreichen des eigenen Ziels im Weg stehen kann. Aber auch die positive Resonanz und der Zuspruch ihres Umfeldes haben sie bestärkt, dran zu bleiben und das „wie“ entstand so von ganz alleine. 

Sich neben dem Job einen Karmadienst oder ein Ehrenamt zu suchen, das ist nicht Ohne. Dennoch war es für Nadja ein erfrischender und relativierender Ausgleich zum Job. Denn all die Spannung, Dramatik und der Druck aus dem Berufsleben wurden auf einmal zweitrangig. “All die Dramatik, die uns im Job widerfährt, wird durch Projekte dieser Art relativiert. Ich bin überzeugt davon, dass wir auf allen Ebenen davon profitieren. Es hat meine Perspektive und Sicht auf die Dinge sehr erweitert.”

Gründen – mit Mehrwert für andere

Das Ehepaar Rainer und Lisa Maria Kunst hat sich mit der Gründung einer kreativen Community, der Flora & Fauna GmbH, ein kreatives und erfüllendes Zuhause geschaffen. Rainer Kunst ist kein Unbekannter in der Düsseldorfer Kreativszene – er ist Experte für Markenkommunikation und begeisterter Unternehmer. Seine Frau Lisa ist Co-Founder der kreativen Community, verantwortet den Bereich Corporate Communications und ist Host des Düsseldorfer Ablegers der globalen Veranstaltungsreihe CreativeMornings.

Irgendwann war den beiden das klassische Agenturmodel nicht mehr genug. Rainer erzählt: “Der alte Job, die alte Agenturform war viel zu sehr in der alten Werbewelt zuhause. Das neue Projekt verfolgt einen anderen Kommunikationsansatz, der Menschen mitnimmt, begeistert, inspiriert. Das geht weit über klassische Werbung hinaus, kann sich auch in Räumen, Aktionen, Content widerspiegeln.”

Und so wurde die Flora und Fauna Gmbh ein Ort der Begegnung und des Austauschs, der Inspiration und der Entwicklung, ein kreatives Habitat. Das ganze Haus ist im Umbau komplett ökologisch ausgerichtet worden. Mit entsprechend energetischer Sanierung, Photovoltaik-Anlage, sprudelnden Wasserhähnen und Elektro-Tankstelle. In der hauseigenen Küche wird vorwiegend regional, saisonal und vegetarisch gekocht. Gesellschaftlich geht es um Austausch, Teilhabe, gegenseitige Inspiration und Schaffung einer lebenswerten Arbeitswelt.

Gesellschaftlicher Mehrwert entsteht dabei durch Raum für Diskurs. Zum Beispiel über die Kunst oder auch die eigene Veranstaltungsreihe CreativeMornings, über Verlags-Produkte wie Vivid und über die Auseinandersetzung mit Veränderungen in Arbeit und Gesellschaft.

Erfüllung über den Austausch mit anderen

Was glauben die beiden, wie entsteht Erfüllung? Rainer glaubt fest daran, dass wir das machen sollten, was uns begeistert. “Dann ist es keine Arbeit mehr, sondern Leidenschaft”, sagt der 53-jährige Familienvater. Für Lisa Maria entsteht Erfüllung auch dadurch die eigenen Schwerpunkte setzen zu können, was in der Selbstständigkeit gut klappt. Und es gehören Kunden dazu, die eine ähnliche Einstellung teilen.

Mit Flora & Fauna finden die beiden diese Erfüllung, weil sie das machen, was sie selbst gut finden, einen hohen Qualitätsanspruch haben und andere Menschen damit begeistern. Auch die Tatsache, dass sie zum Beispiel über das Format Creative Mornings immer wieder mit anderen Menschen in Kontakt kommen, erfüllt und macht glücklich.

Der Kontakt mit anderen Menschen kann uns glücklich machen und sorgt dafür, dass wir Abends zufrieden nach Hause gehen. Oder in Corona-Zeiten vom Schreibtisch zum Sofa wandern. In der Forschung gibt es übrigens vier Kriterien, die uns dabei helfen den Wert unseres Jobs zu bemessen. Das ist zuerst zum einen Empfinden, dass der eigene Job eine Bedeutung hat. Hier geht es darum für uns zu definieren, dass es eine Rolle spielt, was wir tun. Das zweite Kriterium ist Kohärenz. Passe ich als Person zu dem was ich tue? Oder gar einen Schritt weiter: Passe ich zur Organisation, dem Unternehmen? Danach folgen Orientierung und Zugehörigkeit. Aufschlussreich ist auch die Bedürfnispyramide von Abraham Maslow, die die Hierarchie menschlicher Bedürfnisse anzeigt. Ganz unten geht es um Grundbedürfnisse, Sicherheit und soziale Bedürfnisse. Erst wenn diese erfüllt sind, entsteht Zufriedenheit. Erst dann setzen wir uns damit auseinander, ob das was wir tun auch erfüllend ist. Danach folgen die individuellen Bedürfnisse und dann, ganz oben in der Pyramide, die Selbstverwirklichung.

Was Forscher ebenfalls herausgefunden haben, wir sind glücklicher, wenn die Menschen in unserem Umfeld ebenfalls gut ihre eigenen Bedürfnisse befriedigen können. Zufriedenheit und Erfüllung sind also nicht nur individuell, sondern kollektiv.

Buchtipps:

Bullshit Jobs: vom wahren Sinn der Arbeit von David Graeber
Who not how – The Formula to Achieve Bigger Goals through accelerating teamwork von Dan Sullivan

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