Kolumne #embracethechaos – Mein neues Kot-Wort

Shit happens, Simone umarmt das Chaos. Oder besser gesagt den kaka-beschmierten Kinderpopo ihres Sohnes. Dabei sehnt sie sich nach einer Bar und singt lauthals mit dem Autoradio um die Wette.

Das Kind ist zweieinhalb Jahre alt. Das Töpfchen-Training läuft und heute trägt es keine Pampers. Wenn ich sage „es läuft“, meine ich damit, es zieht sich in die Länge. Zumindest in meiner Wahrnehmung. Man soll ja nichts forcieren, aber als das Kind vor drei Monaten das erste Mal großes Interesse am stillem Örtchen zeigte, setzten wir uns ins Badezimmer und haben Geschichten vorgelesen, in denen kleine Kinder kacken und sich freuen. Ein Gummibärchen gab es als Belohnung (hat mir eine Ärztin empfohlen), aber das Kind hatte schnell wieder wichtigere Themen zu erledigen. Kennt man ja – die Todo-Liste von zweieinhalb-jährigen ist lang. Dann verblasste es wieder bis das Kind selbstbewusst und voller Inbrunst verkündete: „Brauche keine Pampers mehr“. Da sind wir also jetzt. Junge Eltern voller Ansporn und Hoffnung.

Während ich in der Küche entsafte, steht das Kind am Wohnzimmertisch. Es lehnt sich lässig an, wie Männer das an einer Bar so tun. Was war das noch gleich eine Bar? Was tut man da nochmal? Haben wir alle vergessen in diesen Pandemie-Zeiten. Ich glaube, wenn mich irgend jemand nochmal auf eine Party oder ähnliches einlädt, raste ich vor Freude aus. Und das obwohl ich keinen Tropfen mehr vertrage. Ich singe schon laut mit, wenn das Autoradio den ersten Ton von sich gibt.

Zurück zum Kind: Es verzieht das Gesicht, wird ganz ruhig und ich erahne es. Dann rieche ich es. Dann sehe ich, wie es sich am Hosenbein den Weg in Richtung Boden bahnt. „Scheiße“, wie einen Alarm, ein Kot-Wort rufe ich es dem Kind entgegen. (Jaaa, ihr Bilderbuch-Erzieher ich weiß, dass man in Anwesenheit von Kindern das S-Wort nicht sagen soll, ich tue es aber ab und an.) Das Kind schaut, als ob es zu viel gesoffen hat und bewegt sich nicht vom Fleck. Eine „Hilfe-ich-habe-mich-vollgekackt-Schockstarre“. Ich trage es ins Bad und ziehe ruckartig seine Hose aus, schmeiße sie ins Waschbecken – es spritzt auf die Zahnbürsten, an die weißen Kacheln und an der Dusche hängt es auch. Ich schließe kurz die Augen und stelle mir vor, ich wäre an einem sonnigen Ort und meine Füße stecken im Sand. Vielleicht, ja ganz vielleicht, gibt es da auch eine Bar.

Das Kind setzt sich derweil mit dem beschmierten Po auf den Badezimmerteppich. Es sieht ganz zufrieden und erleichtert aus, ich erkenne ein Grinsen. Ich spüle die Hose aus und hallelujaaaa, das Waschbecken verstopft: die Scheißt steht mir bis zum Hals oder besser hängt mir am Hals, denn da habe ich sie auch hingeschmiert. Ja, ich habe mir die Scheiße vom Kind mit dem Handrücken an den eigenen Hals geschmiert. Ich trage sie stolz, wie ein Tattoo.

Ich sehe mich selbst im Spiegel, wie ich da stehe mit der Kacke, dem nackten Kind und denke es dauert nur noch zweieinhalb Jahre und bis dahin: Shit happens.

Titelbild @ Elia Pellegrini & Alex Knight via Unsplash

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