Spiritualität im Alltag

Spiritualität zwischen Bügelwäsche, Ehekrise & Wutanfällen – geht das? 

Brauchen wir Bali, weiße Kleidchen, Kokosnüsse und Sonnenschein, um Spiritualität im Alltag zu leben oder geht das auch zwischen Bügelwäsche, Ehekrise und Wutanfällen? Simone begibt sich auf die Suche nach der Antwort.

Ich hatte im letzten Jahr manchmal das Gefühl, dass mir meine Spiritualität im Alltag zwischen Kind, Küche und Kacka etwas verloren geht. Wo war eigentlich die Zeit für mich und meine Praxis geblieben? Und wie geil war das, als ich in Indien auf meinem Meditationskissen saß, Kokosnüsse auf Bali geschlürft und Tempel auf Sri Lanka angeglotzt habe. Dann scrollte ich durch Instagram und sah hübsche junge Frauen in weißen Sommerkleidchen oder mit Bikinis auf meiner Lieblingsinsel Bali tanzen und mir kam die Frage in den Sinn: Brauchen wir eigentlich Bali, den Vibe dort und die weißen Kleider, um spirituell zu sein oder geht das auch zwischen Bügelwäsche, Ehekrise und Wutanfällen?

Mein Küchenpsychologie hat ergeben …

Ich wurde tatsächlich ein bisschen ärgerlich. Auf Instagram, die weißen Kleider und den Bali-Strand. Und immer, wenn ich mich ärgere, weiß ich: Obacht Simone, schau mal genauer hin. Meine persönliche Küchen-Psychoanalyse hat ergeben, dass ich in dem Moment wahrscheinlich gerne mit weißem Kleid auf Bali gestanden hätte, statt mit Winterjacke vor der Kita, um ein schlecht gelauntes Kleinkind abzuholen. Denn mal ehrlich, jedes Mal, wenn ich dort war, auf der Insel der Götter, war das Leben federleicht. 

Lag es daran, dass ich dort Urlaub machte oder an den wundervollen Menschen dort? Alle sind entspannt, Bali hat diesen besonderen Vibe, das Wetter ist gut und das überträgt sich schön auf einen selbst. Ja, wir haben als Familie sehr oft überlegt, ob wir auswandern. Lange haben wir es nicht getan, weil mein Vater sehr krank war und ich es als spirituelle Pflicht ansah seine letzten Schritte zumindest ein bisschen zu begleiten. Und mich beschlich irgendwann immer die Frage, was ist, wenn man wieder zurück kommt?

Was braucht Spiritualität im Alltag?

Aber zurück zur Frage: Braucht Spiritualität eine gewisse Umgebung? Andere Menschen, die mit viben? Können wir in einem Alltag mit Kindern, Job und Wäsche überhaupt einen Hauch Spiritualität versprühen? Ich ziehe den Meditationslehrer und Autor des Buches „Nach der Erleuchtung Wäsche waschen und Kartoffel schälen“, Jack Kornfield, zu Rate. Wobei der Titel fast missleading ist, denn ich bin ja bei weitem nicht erleuchtet, sondern wasche Wäsche und schäle Kartoffeln – that‘s the fucking problem! 

Aber die main message ist, grenzenlose Freude und Einheit treten viel öfter auf als wir denken. Aber wenn wir gestresst durchs Leben jagen, verpassen wir die natürlich, die geilen Momente. Es gab Zeiten, da bin ich durch mein damaliges Wohnviertel spaziert und habe sehr viele Dinge einfach nicht wahrgenommen, weil ich Scheuklappen aufhatte. Das hat sich durch Yoga und Meditation verändert, genauso wie ich mein Tempo – sowohl beim Reden als auch beim Gehen – beobachte und anpasse.  Aber und hier ist der springende Punkt, der Alltag wartet nach all diesen Zuständen. Das ist wie mit dem besten Orgasmus, der hält ja auch nicht eine Woche an. Danach geht alles weiter. Jack Kornfield sagt also, der Alltag geht weiter, aber mit der Aufgabe, dass wir die erkannte, gelernte und gefühlte Freiheit eben umsetzen. Sie also wie in einem Päckchen mitnehmen. Wo ist also mein Päckchen? Habe ich das im Bus vergessen, liegt es unter dreckiger Kinderwäsche vergraben oder hat jemand anders es aus Versehen mitgenommen?

Es ist nicht so gemütlich wie auf Bali

Ich stelle mal wieder fest: Ein spirituelles Leben ist mit Arbeit verbunden oder sagen wir besser, mit der eigenen Disziplin und Selbstverantwortung. Und es ist nicht immer gemütlich wie am Strand. Vielleicht war das meine alte Vorstellung: Ich liege entspannt am Strand, meditiere morgens, mache Yoga am Nachmittag, wir wohnen in einem Haus am Meer und ich schreibe dazwischen an einem Buch. Mein Mann fährt auf einem Surfboard vorbei, winkt fröhlich, das Kind läuft mit Blumen im Haar an mir vorbei und singt Hare Krishna. Ja, ich habe mich ertappt. Abends haben wir lauten Sex, man muss nie aufräumen und jeder macht sein Essen selbst. Und am nächsten Morgen geht alles wieder von vorn los. Eat, love, sleep – repeat.

Wenn du innerlich unglücklich bist, bringt das alles nix

Zurück auf den harten Boden der Tatsachen und zur Selbstverantwortung: Die sorgt nämlich dafür, dass wir uns in Ruhe hinsetzen, die Augen schließen und ins tiefe Innere spüren und dort mehr finden als Gedankenfetzen aus „Scheiße-ich-habe-den-Kitabrief-verschlampt“ oder „Hilfe-mein-Kind-hat-eine-Zecke-am-Kopf“. Es sorgt dafür, dass wir uns spüren. Wieder andocken, wer wir sind und sein wollen. Und das hat sehr viel mit Mut und Ehrlichkeit zu tun. Ja, ich habe nicht mehr die Zeit, für mich und die Praxis, die ich ohne Kind hatte. Aber ich lerne dankbar zu sein für kleine Momente, in denen ich merke, dass etwas von mir abfällt oder ich im Inneren spüre, da ist etwas, was mich hält. Ich übe immer noch ins Leben zu vertrauen, weil ich das nicht so gut kann. Ich übe jeden Tag mehr auf mein Innerstes zu achten, als auf mein Äußeres. Wie sagte neulich ein Podcast-Gast: „Du kannst an den geilsten Plätzen dieser Welt sitzen, ein Traumstrand vor dir, die Kokosmuss in der Hand, der Traumpartner neben dir, aber wenn du innerlich unglücklich bist, bringt dir das alles nichts.“ 

Was wir wirklich brauchen 

Ich liebe diesen Satz sehr, denn er zeigt, dass wir das Äußere nicht brauchen. Zumindest nicht unbedingt. Genauso wie das Haus, der Garten und die 1000-Euro mehr im Monat nicht unsere Ehe retten oder einen glücklicheren Menschen aus uns machen, genauso wenig brauchen wir Bali für ein spirituelles Leben. Wir brauchen vielmehr die Zeit, nach innen zu schauen und zu lauschen, was in uns vorgeht. Ohne Zwang, aber mit ein bisschen Muße und Liebe für uns selbst. Wir brauchen Atemzüge und Momente des Loslassens. Eine ernst gemeinte Umarmung und einen kleinen Koffer mit Übungen nur für uns selbst. Ich gestehe aber, dass es uns auf Bali und Costa Rica einfacher fällt und ich weiß für mich, ich brauche ab und an diese Kraftorte, um mich aufzuladen und um mich an das zu erinnern, was wirklich wichtig ist. 

Titelbild @ Tory Bishop & Lucija Ros via Unsplash

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