Yoga Asana und ein Portrait von Nicole Reese

Me, Myself and I auf der Yogamatte. Wie Yoga unsere Persönlichkeit formt.

In diesem Text fragt sich die am Daumen verletzte und Deadline jonglierende Redakteurin & Yogalehrerin Nicole Reese, was Yoga eigentlich mit ihrer und unser aller Persönlichkeit macht. Ihre Befragung im Freundeskreis hat ergeben: Die eigene Praxis verändert sich stetig, so wie wir.

„Aber ich brauche meine Hand zum Arbeiten“. „Sonst nicht?“ fragt die Ärztin, und zieht den Klettverschluss der Schiene fester. Mein Daumen und mein Handballen lassen sich seit Tagen nur unter Schmerzen bewegen. Tippen ist nicht möglich, herabschauende Hunde auch nicht. Was mich nicht daran hindert, weitere Textanfragen anzunehmen. Kurzes Überschlagen aktueller Deadlines, ja klar, mache ich. Anderes klappt ja auch mit links, Zähneputzen zum Beispiel. Ein neuer Auftrag scheint mir eine gute Idee um wieder Bewegung in mein Denken zu bringen, das sich gerade sehr im Tunnelblickmodus befindet.

Funktioniert: Steigender Druck ersetzt die Langeweile. Um diesen abzubauen, involviere ich alle mir nahstehenden Menschen ins Thema. Typisch. Aber stimmt das überhaupt? Ist dieses Verschieben auf kurz vor knapp und die Angewohnheit, alle an meinem Stress teilhaben zu lassen, ein Aspekt meiner Persönlichkeit? Wie definiert sich diese eigentlich und was hat Yoga mit Persönlichkeitsbildung zu tun?

Alles ist Bewegung:  Yoga als immer währender Prozess

Unsere Persönlichkeit entwickelt sich aus dem Zusammenspiel genetischer Anlagen und unserer Sozialisation über die Umwelt. Beziehungen, Ereignisse, Erlebnisse prägen uns und machen uns zu der Person, die wir sind, mit allen Besonderheiten, Marotten und Macken. Unsere Persönlichkeit ist stabil, aber nicht starr und fest, sondern in sich wandelbar. Was wiederum bedeutet, dass wir über unsere Handlungen unsere Persönlichkeit formen und verändern können.

Durch den ganzheitlichen Ansatz wirkt Yoga auf alle Facetten unserer Persönlichkeit. Yoga ist in erster Linie eine Praxis, ein immer währender Prozess, der Asana (Körperhaltungen), Meditation und Pranayama (Atemtechniken) umfasst und uns dabei unterstützt, die Aufmerksamkeit von außen nach innen zu lenken. Die Yoga Praxis bietet uns die Möglichkeit, unser Handeln jeden Tag neu zu überdenken, es anders zu gestalten und so bestimmte Muster zu durchbrechen. Wie diese Praxis letzten Endes aber aussieht und was sie genau beinhaltet, hängt nicht nur vom jeweiligen Yogastil ab, sondern von jeder einzelnen Person, die sich auf die Matte begibt.

Ich starte eine kleine Umfrage unter meinen Yoga praktizierenden Freunden. Das Ergebnis ist vielleicht nicht repräsentativ, aber recht eindeutig. Sei es die bewusste Körperwahrnehmung, die aufrechte Haltung, mit der man den Herausforderungen des Alltags selbstbewusster entgegen tritt, das klare Wahrnehmen von Grenzen und Bedürfnissen oder das Gefühl größerer Zentrierung: Yoga hilft dabei, fokussiert, geerdet und präsent zu sein. Vor allem über den Atem lässt sich unser auf Dauergeplapper eingestellter Geist beruhigen und auf eine entspanntere Sequenz einstellen. Aber auch die größere Beweglichkeit und aufbauende Kraft spielen eine wichtige Rolle fürs eigene Wohlbefinden. Oft ist es der Wunsch, den gegenwärtigen Zustand zu verändern, der uns zum Yoga führt.

Bei mir war es die Suche nach mehr Struktur und Klarheit während meines Studiums, andere kommen aufgrund ihrer Schlafprobleme, aus Liebeskummer oder wegen Rückenschmerzen zum Yoga. Viele bleiben dabei, andere ziehen weiter. Eine weitere Sache fällt mir in meiner kleinen Befragungsrunde noch auf:

Alle äußern sich dermaßen begeistert über ihre Yogapraxis und betonen mehrfach, dass sie diese niemals aufgeben würden, trotz kleiner oder großer Krisen und auch, oder gerade weil sich die eigene Praxis immer wieder verändert – so wie wir.

Patanjalis achtgliedriger Weg: Yoga ist auch Handeln

In Patanjalis Yogasutren, einem der grundlegenden Texte der Yogaphilosophie, wird Yoga als Zustand, in dem die Bewegungen unserer Gedanken zur Ruhe kommen (yogah cittavritti nirodhah)[1], definiert. Nach Patanjali entstehen unsere Probleme durch die Funktion unseres Geistes, der ständigen Ablenkungen und Störungen unterworfen ist.[2] Über Achtsamkeit und Selbstreflexion können wir diese inneren Muster und blockierenden Verhaltens- und Denkweisen erkennen und verändern.

Patanjali formuliert in den Yoga Sutren mit dem „achtgliedrigen Pfad“ einen Übungsweg, der uns dabei unterstützt, einen klaren und friedvollen Geist zu etablieren, frei von Erwartungen zu sein, den eigenen und denen der anderen. Dieser Pfad umfasst Vorschläge für den Umgang mit anderen (Yamas), Vorschläge für den Umgang mit uns selbst (Niyamas), Asana, Atemtechniken, den Rückzug der Sinne (Prathyahara) sowie verschiedene Stufen der Meditation. Diese acht Glieder bauen einerseits aufeinander auf, bedingen sich aber auch gegenseitig. Vor allem über die Auseinandersetzung mit den Yamas und Niyamas können wir erkennen, wer wir sind und wie wir mit der Welt um uns herum agieren.

Yamas: Gewaltlosigkeit (Ahimsa) – Wahrhaftigkeit (Satya) – Nicht-Stehlen (Asteya) – Mäßigung  (Brahmacharya) – Genügsamkeit (Aparigraha).

Niyamas: Reinigung (Shauca) – Zufriedenheit (Santosha ) – Selbstdisziplin (Tapas) – Selbststudium ( Svadhyana)  –  Hingabe (Ishvara Pranidhana).[3]

In diesen knappen Begriffen lässt sich die Essenz, die dahinter steckt, aber bereits erkennen. Es sind immer auch unsere eigenen moralischen Werte, mit denen wir uns und unsere Umwelt betrachten. Sich diese Werte immer wieder bewusst zu machen, kann zu größerer Achtsamkeit dem Leben gegenüber führen.

Und das ist Yoga: Die Auseinandersetzung mit unserem Verhalten und den daraus resultierenden Folgen – auf körperlicher, mentaler und emotionaler Ebene. Das kann unglaublich viel Spaß machen, langweilig oder herausfordernd sein, uns an unsere Grenzen oder zum Lachen bringen. Die Yogapraxis spiegelt uns immer den gegenwärtigen Zustand unseres Geistes. Wie stark wir uns letztlich damit identifizieren, liegt an uns.


[1]    Patanjali: Das Yoga Sutra. Von der Erkenntnis zur Befreiung, Theseus, 2013

[2]    T.K.V. Desikachar: Yoga. Tradition und Erfahrung. Die Praxis des Yoga nach den Yoga Sutren des Patanjalis. Via Nova Verlag, 2009

[3]    Allen, denen diese knappe Auflistung zu kurz greift, empfehle ich: Anna Trökes: Die kleine Yoga Philosophie, O.W.Barth, 2013


Über Nicole Reese:

Nicole Reese ist Autorin, Yogalehrerin und Mitbegründerin des Yogastudios Yoga Elements in Hamburg. Sie turnt seit den Nuller Jahren auf der Yogamatte, schreibt für verschiedene Print- und Onlinemagazine und hat im Trias Verlag ein paar Bücher zum Thema Yoga veröffentlicht.

Titelbild @ Wesley Tingey
Portrait Nicole @ @nemecky

1 Kommentar zu “Me, Myself and I auf der Yogamatte. Wie Yoga unsere Persönlichkeit formt.

  1. Toller Artikel, der’s auf den Punk bringt: Yoga tut gut und unterstützt in jeglicher Hinsicht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.