Bye- Julia Felicitas Allmann und Laura Letschert im Interview

Bye. Ein Interview mit Julia Felicitas Allmann und Laura Letschert

Laura Letschert und Julia Felicitas Allmann sprechen in ihrem Buch „bye“ über Tod und Abschied. Das Buch ist eine Interviewsammlung mit Menschen, die dem Sterben auf unterschiedliche Weise begegnet sind. Es sind Geschichten, die das Leben schreibt und die einem Mut und Kraft schenken.

Íhr beiden, wie ist die Idee zum Buch entstanden? 

Den Impuls dafür hat Laura gegeben. Für sie waren Tod und Sterben schon immer wichtige Themen, als Kind schaute sie oft in den Sternenhimmel und fragte sich, wo wir herkommen und mal hingehen. Dass sie später Philosophie studierte, war da sicher kein Zufall. Also entstand in ihr der Wunsch, mit Menschen über das Leben und die Endlichkeit zu sprechen und diese Geschichten in einem Buch festzuhalten.

Es war von Anfang an klar, dass daraus kein Trauerratgeber entstehen sollte, sondern ein Buch für uns alle – da sie auch in ihrer Arbeit als Coach für Veränderungsprozesse oft spürt, welches Potenzial es hat, den Tod wieder mehr ins Leben zu integrieren. Julia ermutigte Laura nicht nur, dieses Projekt anzugehen, sondern war so begeistert und berührt, dass sie ihre Expertise als Journalistin und Autorin einbringen wollte, um dieses Buch gemeinsam in die Welt zu bringen. Und genau das haben wir dann getan.

Welche Berührungspunkte hattet ihr beide mit Trauer, die euch zum Buch bewogen haben? 

Obwohl wir beide auch schon Abschied von geliebten Menschen genommen haben, entstand das Buch in erster Linie nicht aufgrund einer persönlichen Trauergeschichte, sondern mehr aus dem Wunsch heraus, einen modernen und liebevollen Weg zu finden, sich mit der eigenen Endlichkeit auseinanderzusetzen, Tod und Abschiede zu enttabuisieren, den Raum für Gespräche zu öffnen und den Themen wieder einen Platz in der Mitte unserer Gemeinschaft und in unserem Alltag zu schenken.

Wir haben selbst schon oft gemerkt, wie wertvoll es ist, die eigenen Geschichten zu teilen – sei es zu Tod und Verlust oder zu allen anderen Aspekten des Lebens – und wir wünschen uns, dass BYE hierfür ein Türöffner sein kann.

Was glaubt ihr, warum wird der Tod in unserer Gesellschaft tabuisiert? 

Unser Umgang mit dem Tod wird von den unterschiedlichen Faktoren beeinflusst – die Prägung durch die Ursprungsfamilie und unsere Erziehung, der Kulturkreis, in dem wir aufgewachsen sind oder leben, und geschichtliche Ereignisse.

Genauso spielen gesellschaftliche Entwicklungen eine Rolle, zum Beispiel, dass viele Menschen in Krankenhäusern oder Pflegeheimen sterben und so die natürlichen Berührungspunkte fehlen.

Und sich mit der eigenen Vergänglichkeit zu konfrontieren, ist etwas, was Angst machen kann – der Tod bleibt die größte Unbekannte in unserem Leben, auch wenn nichts so gewiss ist, wie die Tatsache, dass wir alle irgendwann sterben.

Sich mit diesen Ängsten wirklich zu befassen, ist etwas, was wir in unserer modernen, oft auf Selbstoptimierung gepolten Welt, leider selten tun – uns scheint es eher wichtig, der nächsten Verjüngungskur oder Longevity-Trends nachzueifern. 

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Was verbindet ihr mit dem Tod?

Laura: Ich persönlich verbinde mit dem Tod die Kostbarkeit des Lebens und die Frage: Wie will ich leben?

Julia: Die Arbeit an BYE hat meine Beziehung zum Tod noch einmal stark verändert, da die Entstehung des Buchs auch für mich eine Entdeckungsreise und ein Lernprozess war. Die Gespräche haben mir noch einmal vor Augen geführt, dass der Tod zum Leben dazugehört – und dass es ein natürlicher Vorgang ist, den wir uns in den meisten Fällen nicht herbeiwünschen, der aber unvermeidlich ist.

Vor allem beiden Geschichten, wo Menschen und besonders Kinder, viel zu früh sterben, ist es natürlich schwer, den Tod zu akzeptieren. Doch die Gespräche für BYE haben uns Mut gemacht, wie hilfreich es dann sein kann, durch die Trauer hindurchzugehen, statt sie zu unterdrücken.

Wie seid ihr bisher mit Trauer umgegangen? 

Laura: Ich habe für mich gemerkt, dass Trauer immer ein Teil von mir ist. Und dieser Teil nimmt sich einfach den Raum und das auch oft ganz unerwartet. Das passiert häufig im Kleinen, weil ich gerade etwas in einem Buch lese oder ein Lied höre und dann ist plötzlich alles ganz präsent, die Trauer oder auch Sehnsucht, aber auch die Liebe – und dann schalte ich den Song nicht aus, sondern lass ihn an und weine einfach oder gebe mich den Gedanken und Gefühlen hin.

Und dabei meine ich auch nicht immer die „große“ Trauer um einen geliebten Menschen oder ein Tier, sondern zum Beispiel der Abschied von einem Lebensabschnitt, Wohnort oder Freundschaften.

Julia: Ich war früher lange geneigt, Trauer oder andere „negative“ Gefühle einfach zu unterdrücken. Selbst bei traurigen Filmen oder Büchern habe ich es mir nie erlaubt, zu weinen – obwohl es sich natürlich nie komplett unterdrücken ließ.

Inzwischen weiß ich, wie wertvoll es ist, diese Gefühle einfach mal zu spüren, und sie da sein zu lassen. Das habe ich auch aus den Gesprächen in BYE mitgenommen: Es ist okay, einfach mal traurig zu sein.

Wie ist der Titel des Buches zustande gekommen? 

Es war eine spontane Eingebung in einem Meeting mit unserer Verlegerin. Wir hatten vorher verschiedene Arbeitstitel und haben eine lange Liste angelegt, um einen treffenden Titel zu finden.

Dann stand plötzlich BYE im Raum und wir wussten alle sofort: Das ist es – zusammen mit einem einfühlsamen Untertitel, der das Thema des Buchs möglichst gut umfasst.

Denn BYE verkörpert diese zeitgemäße Natürlichkeit und Alltäglichkeit, die wir uns im Umgang mit Abschieden wünschen.

Im Buch gibt es Gedankenräume, wofür sind diese da? 

Zum Reflektieren, Hineinfühlen und Nachspüren. Wir hatten das Bedürfnis, die Leserinnen und Leser ein wenig an die Hand zu nehmen, sie mit den teils sehr berührenden Geschichten nicht „allein“ zu lassen. In den drei Gedankenräumen geht es zunächst darum, das eigene Bild zum Sterben zu reflektieren und dann Neues zu entdecken oder auch Altes loszulassen.

Wir haben dabei das Bild der „Rumpelkammer“ gewählt, die man meist lieber geschlossen hält – doch wenn man sich einmal traut, hineinzugehen, eine Bestandsaufnahme zu machen und behutsam zu sortieren oder aufzuräumen, tut es am Ende immer gut.

Es nimmt dem Raum den Schrecken und macht ihn zu einem Ort, den man eben auch bewusst neu für sich gestalten kann. Vor allem in dem Wissen, dass man die Tür auch immer wieder schließen kann.

Gibt es eine Geschichte, ein Interview, das euch besonders in Erinnerung geblieben ist? 

Jede schenkt uns eine ganz nahbare, ungeschönte Perspektive auf den Tod und das Leben – genau das hat uns so berührt. Und es sind oft einzelne Sätze, Erfahrungen oder Weisheiten, mitten aus dem Herz heraus, die uns seitdem in unserem Alltag begleiten.

Zum Beispiel von Finchen, eine 92-Jährige, die selbst schon viele Berührungspunkte mit dem Tod hatte und bei der Flutkatastrophe im Ahrtal sieben Stunden bis zur Brust im Wasser stand – und die ganze Zeit gebetet hat.

Oder von Sabina, die ihren Mann Matthias durch einen Sekundentod verlor und nach seinem Tod auch mit Vorurteilen zu kämpfen hatte, weil sie die Erwartungen an sie als „trauernde Witwe“ teilweise nicht erfüllt hat.

Oder von Philipp, der mit 47 Jahren ALS bekam und eigentlich nur noch zweieinhalb Jahre zu leben hatte: Er hat nach der Diagnose sehr zu sich selbst gefunden und es sich zum Ziel gemacht, nicht alt, sondern glücklich zu werden. Ihr seht: Wir könnten jede Geschichte hier aufzählen.

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Warum muss das Sprechen über den Tod nicht immer traurig sein?

In den Gesprächen für das Buch haben wir gelernt, dass der Tod nicht immer nur traurig ist – genauso wie das Leben nicht immer nur zum Lachen ist. Natürlich ist der Tod auch „fucking schmerzhaft“, wie eine Interviewpartnerin treffend sagte, aber wenn wir von ihm sprechen, dann geht es ja immer auch um den verstorbenen Menschen und um das, was von diesem bleibt.

Und es geht darum, sich an das Leben, was gerade jetzt stattfindet, zu erinnern. Wir haben während dieser sehr lebendigen Gespräche und auch während der gesamten Entstehung deswegen nicht nur geweint, sondern ebenso gelacht, viel gelernt und oft auch gestaunt.

Diese Erfahrung hat uns beide total ermutigt, die Angst vor Gesprächen über den Tod und auch vor „falschen“ Fragen oder Antworten zu verlieren.  

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Was sollen Leser:innen aus dem Buch mitnehmen oder gar lernen? Was wünscht ihr euch?

Wir wünschen uns, dass während des Lesens eine vielleicht bisher verschlossene Tür geöffnet wird, hinter der es neues, überraschendes und wertvolles zu entdecken gibt. Und wir hoffen, dass BYE die Leser:innen genauso ermutigt, ins Gespräch zu gehen, sich anderen Menschen zu öffnen, nachzufragen und zu erzählen, wie es ihnen gerade wirklich geht, worum sie trauern oder was ihnen wichtig ist in ihrem Leben.

Wir sehen BYE als Chance für eine neue, stärkende oder auch tiefere Verbindung zu uns selbst und zwischen uns allen.

Wir bedanken uns bei Laura und Julia für das schöne Interview!

Copyrights @ Sandra Socha

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