Janina über Trauer und suizid

Der Beginn eines langen Weges – ich habe meinen Mann durch Suizid verloren

Janina Staack ist Yogalehrerin und lebt in Portugal. Sie hat eine intensive Form der Trauer durchlebt. In ihrem Text schreibt sie verletzlich und stark darüber, wie der Suizid ihres Mannes sie aus dem Leben gerissen hat und wie sie sich ein neues Leben in Portugal aufgebaut hat. Für sie ist Trauer ein Ausdruck von Liebe – warum sollte sie enden?

Oktober 2019. Da stehe ich und blicke auf das wunderschöne Gesicht des Mannes hinab, den ich seit 16 Jahren liebe. Er sieht so friedlich aus und vertraut. Der Schwung seiner Lippen, die kleinen Lachfalten um die Augen, die Sommersprosse auf dem Augenlid erscheinen wie immer. Doch er wirkt seltsam abwesend, viel zu ruhig und seine Hand in meiner ist eiskalt. Er ist tot. Suizid.

Ich bin 33 Jahre alt und erlebe den Moment, der sich Abschiednahme nennt. Die letzten 5 Tage wirken surreal und doch so unfassbar klar und echt.

Die letzten 5 Tage

Ich höre die Nachricht, die meine Welt explodieren lässt und beginne zu schreien. Und zu rennen. Ich muss die letzten Meter ins schützende Haus meiner Freundin schaffen. Ich klingle und breche auf ihrer Fußmatte zusammen. Ich schreie als würde ich bei lebendigem Leibe verbrennen, stundenlang. Meine Eltern kommen. Sie sehen so alt aus wie nie zuvor.

Die Notärztin fragt mich nach meinem Namen – „Janina“. „Janina, kannst du mir sagen, was passiert ist?“ „Mein Ehemann ist tot. Er hat sich das Leben genommen.“ „Was kann ich für dich tun?“ „Ich möchte eine Spritze, eine Tablette, irgendetwas um das hier nicht mehr fühlen zu müssen.“ Pause.

„Was ich dir jetzt sage, ist unfassbar hart, aber es ist so wichtig, dass du verstehst. Ich werde dir nichts geben, denn was du jetzt fühlst, ist genau richtig. Es ist der Beginn eines langen Weges, es ist der erste Schritt der Trauer. Und wenn wir das mit Medikamenten unterdrücken, dann wird es auf andere Weise seinen Weg finden, und glaube mir, das möchtest du nicht.“

Ich beginne wieder zu schreien.

Die Wohnung meiner Eltern, eine Notfallseelsorgerin, der es gelingt, dass ich spreche statt zu schreien. Meine Stimme ist rau und heißer.

Ich spreche mit der Polizei, die mich befragen muss. Der Staatsanwalt ermittelt, übliches Vorgehen wie man mir erklärt. Der Leichnam ist gesperrt, bis die Ermittlungen abgeschlossen sind. Ich fange wieder an zu schreien.

Mein Vater kontaktiert für mich das Bestattungsinstitut, dass von der Notfallseelsorgerin empfohlen wurde, da sie „offen sind für die individuellen Wünsche junger Menschen“. Ich treffe Entscheidungen. Sarg. Kissen. Decke. Blumen. Kapelle. Grabstätte. Bestattungsart. Bekleidung für meinen Ehemann. Todesanzeige. Datum für die Beerdigung. Musik. Raum für die Abschiednahme.

Und endlich ist alles friedlich. Denn auch wenn der Mensch nicht mehr da ist, sein Körper ist nun hier neben mir. Und das ist vertraut. Es fühlt sich sicher an. Jetzt, wo es keinerlei Sicherheit in meinem Leben mehr gibt.

Mein Leben? Ich glaube, ich weiß nicht mehr, was das ist.

April 2024

Ich tippe diese Worte in meinen Laptop. Seit Tagen schiebe ich vor mir her mit dem Schreiben zu beginnen, dabei wollte ich doch so gerne einen kleinen Teil meiner Geschichte beisteuern zu dieser Reihe rund um das riesige Thema Trauer. Doch wo fange ich an?

Wie soll ich all das Erlebte der letzten viereinhalb Jahre in ein paar Worte packen? Wie soll ich die Worte finden, all das Unerklärbare erklärbar zu machen?

Ich sitze in meinem Zuhause in Portugal. Neben mir der Atlantik, dessen Wildheit, Weite und wunderbare Wellen ich so sehr liebe. Ich bin umgeben von den restlichen Sachen aus meinem alten Leben. All die Dinge, die in 10 Kisten gepasst haben und mit mir 2000 km weit gereist sind.

Mein Blick fällt auf eine Zeichnung auf der gegenüberliegenden Wand, die mein verstorbener Ehemann und ich gemeinsam in Vietnam gekauft haben. Auf unserer Hochzeitsreise. Und mein Blick fällt auf ein Bild von mir Hand in Hand mit einem Mann, der nun dieses neue Leben und dieses Zuhause mit mir teilt.

Wie bin ich hierhin gekommen? Wer bin ich heute? Wer war ich zuvor? Wie viele Versionen meiner Selbst habe ich auf dem Weg verloren und neu kreiert? Einmal Hölle und zurück, ein Versuch zu erklären.

Mein Weg in ein neues Leben

Zuerst war da nur Schmerz, das Gefühl zu verbrennen, das paradoxe Gefühl, dass mein ganzes Leben zur gleichen Zeit explodiert und implodiert. Und gleichzeitig, schon in den ersten Stunden nachdem ich die Nachricht erhalten habe, während ich geschrien habe, war da immer wieder dieser eine Gedanke.

Wie ein Blitz, genauso hell und einprägsam. „Jetzt erst recht. Ab jetzt lebe ich mein bestes Leben“. Fern davon zu wissen, was dies heißen, oder wie das überhaupt gehen soll.

Ich werde drei Monate nicht arbeiten und für 6 Monate bei meinen Eltern leben. 6 Wochen schlafe ich im Bett meiner Mutter. Die ersten Tage muss sie mich beim Toilettengang und zum Duschen begleiten. Zum Zeitpunkt der Beerdigung habe ich bereits 5 kg an Gewicht abgenommen, insgesamt werden es 8 kg sein. Meine Haare werden spröde und brechen ab.

In meinem Magen ein stetiger Knoten, der zu einer chronischen Gastritis wird. Ich spüre keinen Hunger und Durst, meine Eltern und Freundinnen erinnern mich daran zu essen. Ich spüre erst dann, dass ich auf die Toilette muss, wenn es schon fast zu spät ist.

Zum Glück kann ich schlafen, Schlaf ist schon immer meine Superkraft. Und solange ich nicht von schrecklichen Alpträumen gequält werde, erlaubt es mir ein paar Stunden Pause. Wenn ich aufwache trifft es mich jedes Mal wie einen Schlag. Ich weine stundenlang. Meine Eltern halten mich abwechselnd wie ein Kleinkind.

„Ich weine so viel, dass auch meine Wimpern abbrechen.“

Meine Freundin wird später erzählen, dass es diesen einen Moment gab, in der ihr das ganze Ausmaß bewusst wurde. In dem ihr klar wurde, was das alles wirklich bedeutet. Als sie mich besuchen kommt, möchte ich mein verweintes Taschentuch wegschmeißen, doch im Mülleimer ist keine Mülltüte. Ich stehe davor und weiß nicht, was tun.

Ich finde keine Lösung und meine Freundin erinnert dies an das Verhalten ihrer 3jährigen Tochter. Genauso fühle ich mich. Hilflos, wie ein Kleinkind. Es fühlt sich an als würde ich neu laufen lernen.

Meine Freundinnen sind toll. Sie sprechen sich ab, wer wann mit mir Zeit verbringt und sorgen dafür, dass es jeden Tag eine kleine Freude für mich gibt.

„Einen Spaziergang, einen gemeinsamen Kaffee. Und ich erkenne schnell, dass diese kleinen Freuden mein Anker werden.“

Es wäre ein leichtes, keinen Sinn mehr in all diesem Schmerz zu sehen. Aber ich weigere mich mein Leben so negativ zu sehen.

Die schönen Erlebnisse des Tages

Und ab dem ersten Tag zähle ich vor dem Einschlafen die schönen Erlebnisse des Tages auf. Es sind winzige Kleinigkeiten. Ein bunter Schmetterling, ein Bissen von einem leckeren Kuchen, das Lächeln eines Kindes. Sie zeigen mir, dass es noch Schönheit gibt und das ich in all diesem Schmerz und in dieser Verzweiflung dennoch kleine Freuden erleben kann.

Ich entscheide mich ganz bewusst für mich und für mein Leben. Ich werde alle Hilfe annehmen, die ich bekommen kann und werde meine Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellen. Ich suche mir eine Therapeutin, die selbst Suiziderfahrung im nahen Umfeld hat und arbeite mit ihr bis heute.

Ich besuche eine Trauergruppe für Suizidhinterbliebene. Ich finde eine Yogagruppe für Trauernde und finde ganz langsam meinen Weg zurück auf die Yogamatte.

Ich treffe die Entscheidung zu kündigen. Ich brauche Zeit für mich, meine Trauer, meine Heilung. Ichbin seit 12 Jahren im Marketing tätig, habe Karriere gemacht und meinen Beruf immer an erste Stelle gestellt, doch all das hat keinerlei Bedeutung mehr für mich. Ich weiß nicht, wie es beruflich weitergehen soll, doch das fühlt sich gut an. Frei und als würde ich ganz neu anfangen, was ich ja tatsächlich auch tue.

Doch das Unternehmen kommt mir zuvor – 7 Monate nach meinem Verlust werde ich coronabedingt mit vielen Kolleg:innen entlassen. Was nach außen wirkt wie die nächste große Katastrophe in meinem Leben, ist für mich ein riesiges Geschenk – fast so als hätte da oben jemand nachgeholfen meine Wünsche zu erfüllen.

Die Trauer katapultiert mich hin zur Spiritualität.

Ich bin nicht gläubig und auch sonst habe ich bisher keine Berührungspunkte damit, doch ich bin auf der Suche nach einer Verbindung, die in dieser Welt nicht mehr besteht. Neben all dem Schmerz, all der Trauer, wird mein Leben auch bunter, reicher und vielfältiger.

Denn ich sehe Dinge, die ich zuvor nicht sah. Suche und finde Zeichen in allem, was mich umgibt. Habe Träume, die sich nach viel mehr anfühlen.

Ich spüre die Liebe, die immer noch da ist und mit der Zeit kann ich die Verbindung zu meinem verstorbenen Ehemann auf neue Weise leben. Er ist immer bei mir und das gibt mir Kraft. Ich bin mir sicher, ihm irgendwann wieder zu begegnen und ich weiß, dass er mich fragen wird, wie es war.

Mein Leben. Möchte ich ihm antworten, dass ich immer nur auf diesen Moment gewartet habe? Oder möchte ich ihm stundenlang berichten, was ich alles erleben durfte.

Welche Erfahrungen ich gemacht habe, welche Orte ich entdeckt habe, welche Menschen mein Leben bereichert haben und wie ich mutig meinen Weg gegangen bin?

„Der größte Antrieb, mir mein ganz eigenes glückliches Leben zu erschaffen, ist der Mensch, den ich verloren habe.“

Ich gehe alleine auf Reisen, bin 5 Wochen an der französischen Atlantikküste und in Deutschland unterwegs. 49 Wochen und zwei Tage nach dem Tod meines Mannes gibt es diesen winzig kleinen kurzen Moment in dem ich wahrhaft glücklich bin. Ein Moment, in dem alles gut ist, wie es ist.

Ich bin so dankbar und beseelt dies erleben zu dürfen. Ich weiß nicht, wann ich das nächste Mal so fühlen werde, aber ich weiß, dass es auch für mich, trotz allem, möglich ist. Ich kann mir ein glückliches Leben erschaffen.

Ich mache eine Yogalehrerinnen-Ausbildung

… dann noch eine. Ich fange an Yoga zu unterrichten und mache mich selbständig als Yogalehrerin. Ich lasse mich zur systemischen Beraterin ausbilden und fange an Menschen zu coachen. Ich kreiere mir einen neuen Alltag.

Und dann gehe ich wieder auf Reisen. Für 5 Wochen bin ich in Portugal unterwegs und surfe jeden Tag. Das erste Mal spüre ich Leichtigkeit zurückkehren. Hier kann ich eine fröhliche junge Frau sein, die ihr Leben liebt.

„Ich kann entscheiden, wer meine Geschichte kennt und wem ich sie erzähle.“

Hier kann ich Abstand gewinnen zu der Schwere meiner Geschichte und gleichzeitig spüre ich immer die liebevolle Verbindung zu meinem Ehemann.

Mir wird bewusst, dass ich frei bin wie selten zuvor in meinem Leben. Und diese Freiheit bringt sogar mit sich, dass ich entscheiden kann, wo ich leben möchte. Im Sommer 2021, während ich mit dem Mietwagen durch das portugiesische Hinterland fahre, treffe ich die Entscheidung nach Portugal zu ziehen und ganz neu zu beginnen.

Mein Leben in Portugal

Und hier bin ich nun, seit zwei Jahren lebe ich in Portugal. Ich liebe mein Leben und den wunderbaren Partner an meiner Seite. Ich bin glücklich. Und jeden Tag vermisse ich meinen verstorbenen Ehemann.

Ich glaube die Trauer um einen so nahestehenden Menschen, ist ein lebenslanger Prozess. Es gibt keine Phasen der Trauer und es gibt kein Überwinden. Wir lernen mit dem Verlust zu leben, ihn in unser neues Leben, das wir so nie gewählt hätten, zu integrieren.

„Die Trauer ist ein Ausdruck der Liebe zu dem Menschen, den wir verloren haben, und warum sollten wir diese Liebe überwinden wollen?“

Es fühlte sich befreiend an diesen Artikel zu schreiben. Habe ich alle gesagt, was es zu sagen gibt? Bei weitem nicht. Wenn ich eines gelernt habe dann, dass die Trauer unendlich viele Facetten hat. Aber ich habe alles gesagt, was mir heute wichtig war und das ist für den Moment genug.

Als ich meinen Ehemann verloren habe, traf ich die Entscheidung nicht an unserem Leben festhalten zu wollen. Mit seinem Suizid war auch dieses gemeinsame Leben vorbei und der Versuch dieses Leben weiter zu leben, wäre der Versuch gewesen, festzuhalten, was für immer vergangen ist.

„Mein Leben ist in tausende kleine Teile explodiert und nach und nach habe ich manche Teilchen wiedergefunden und neu zusammengesetzt.“

Mein Leben gleicht nun einem Mosaik, es hat viele Risse und ist wahrhaft unperfekt. Doch es ist kunterbunt und es ist mein eigenes Werk, dass ich ganz neu und bewusst zusammengesetzt habe. Immer wieder sammle ich auf meinem Weg neue Teile auf und setze sie dazu. Jedes auf seinen Platz.

Ich bin gespannt, wie viele neue Stücke noch hinzukommen werden, welche Farben und Formen, und wie es ganz am Ende aussehen wird – dieses wunderschöne Kunstwerk namens Leben.


Titelbild © itsonlywater


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