eine Frau in weissem Kleid auf rennt auf einer Wiese. ALs Collage Bilder von Renè Träger, Tatjana Reichert und Svenja Gräfen

Selbstfürsorge – wo fang ich bloß an?

Die Sache mit der Selbstfürsorge ist ja, dass sie meist zu kurz kommt. Warum ist es so verdammt schwer, sich selbst was Gutes zu tun? Wir gehen der Sache auf den Grund und haben mit Dr. med Tatjana Reichhart, Radiomoderator René Träder und Autorin Svenja Gräfen gesprochen.

Selbstfürsorge – wenn ich das Wort laut ausspreche und mehrmals wiederhole, hallt es in mir nach. Ganz oben im Hals und ich merke, es löst was aus. Vielleicht ist es das direkte Gefühl, das ich, die Yoga unterrichtet und andere Menschen dazu einlädt, sich selbst Gutes zu tun, nicht besonders gut darin bin. Es ist das Erste, was ich vernachlässige. Ich selbst bin also die erste, die ich vernachlässige. In einer Woche, die voll ist mit Arbeit, Erledigungen und Verpflichtungen für andere, lasse ich die Pflege meiner Selbst fallen. Wie ein heiße Kartoffel. Mit dem Gedanken, ach eine andere Sache geht noch, dann bist du dran. Dieser Text kommt später als gedacht, weil ich vier Tage krank im Bett lag. Selbstfürsorge ist also auch für mich ein großes Thema.

Dabei ist Selbstfürsorge gar nicht der eine Abend in der Badewanne, die Massage oder die Yogastunde, kein Luxus oder Wellness – es ist Zeit mit uns und für uns selbst. Für mich gehört dazu, dass ich mir anschaue, was an einem Tag alles so los war und wie es mir damit geht. Dass ich hineinspüre, um herauszufinden, was ich brauche. Es ist die Zeit, in der alles andere einmal unwichtig werden darf. Es sind die Momente, in denen ich „nein“ sage zu anderen. „Nein, es tut mir leid, ich möchte mich nicht zum Elternbeirat aufstellen lassen.“ „Nein, ich kann nicht noch eine zusätzliche 20-Stunden Buchung annehmen, weil ich bereits mehr arbeite als ich Stunden habe.“ Es ist ein sich Fallenlassen in sich selbst hinein  – mit einem guten Gefühl.

Selbstfürsorge als Basis

Tatjana Reichhart, Ärztin, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie sagt im Podcast: „Es ist eine Haltung“. Eine Haltung, mit der wir durchs Leben gehen und immer wieder darauf achten, dass wir uns nicht dauernd überstimmen lassen. In Tatjanas Buch „Das Prinzip Selbstfürsorge“ wird klar, dass es auch bei ihr so war, dass die eigene Fürsorge immer hinten anstand. Projekte, Arbeiten und Karriere waren irgendwie immer wichtiger. Heute achtet sie sehr genau auf ihren Kalender, der feste Zeiten beinhaltet, die nur für sie geblockt sind. „Selbstfürsorge ist weniger eine einzelne Sache, die ich mir gönne, es ist das ständige daran erinnern und auf mich selbst achten.“ Man könnte sagen, für alle, denen das schwer fällt, hat Tatjana zusammen mit ihrer besten Freundin das Kitchen2soul in München gegründet. Ein Seminar- und Coachingcafé, einen Ort für die Seele, einen Ort zum Ankommen mit den schönsten Büchern.

„Wer die innere Ruhe besitzt, fällt weder sich noch anderen zur Last.“ Epikur

In ihrem Buch wird klar, dass bereits die griechische Antike eine Ahnung hatte, warum Selbstfürsorge wichtig ist: Für Sokrates war die Selbsterkenntnis der Seele der zentrale Gegenstand der Sorge um sich und gleichzeitig auch die Grundlage für schönes und gerechtes Handeln. Dem zugrunde liegt auch die Idee, nur wer sich selbst gut regieren kann, kann auch andere regieren. Und es geht um unsere Seele. Es ist ein Umsorgen des tiefsten Inneren, eine Erkenntnis, wer wir sind und was wir brauchen. 

Ich will von Tatjana wissen, warum Selbstfürsorge ein lebenswichtiger Bestandteil ist. Sie sagt: „Selbstfürsorge ist die Basis. Sie macht uns nicht nur gesünder und widerstandsfähiger, sie sorgt auch dafür, dass wir weniger neidisch auf andere sind, die sich Zeit für Schönes gönnen.“ Viel mehr noch, so schreibt sie in ihrem Buch: „Selbstfürsorge ist nicht die Kür, sie ist die Pflicht, wenn es um unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden geht.“ Doch warum, fällt sie so schwer? Warum ziehen wir es vor beschäftigt zu sein und dauernd zu rennen? „Zum einen, weil wir so geprägt sind. Wir wachsen auf und bekommen das Gefühl, es ist gut, wenn wir etwas leisten. Schaffe, schaffe Häusle baue.“ Sie erzählt mir von ihrer eigenen Prägung und auch im Buch wird deutlich, dass es uns so gar nicht glücklich macht, wenn wir dauernd Ansprüche erfüllen und unser Leben maximieren. „Wir können viel schaffen und lernen, aber eben nicht alles.“ Wir sind begrenzt belastbar, haben begrenzt Energie und es ist wichtig, dass wir uns um unsere Ressourcen kümmern.

Selbstfürsorge ist kein Todo, dass wir mal eben so abhaken, es ist vielmehr ein lebenslanger Prozess, der nie abgeschlossen ist. Je mehr wir üben, umso besser werden wir. Es erinnert mich sehr an Georg Lolos Worte zum Thema Achtsamkeit – es ist alles eine große Übung, nicht immer gelingt es, aber wir müssen dran bleiben. Egoistisch ist Selbstfürsorge übrigens nicht, denn wer möchte, dass es anderen gut geht, fängt bitte zuerst bei sich selbst an. Tatjana gibt mir folgendes mit auf den Weg: „Unser Herz versorgt sich selbst erst mit Sauerstoff, bevor es das Blut in die anderen Organe pumpt.“

Lasst uns radikal selbstfürsorglich sein

Eine, die lange Zeit dachte, Selbstfürsorge sei egoistisch und etwas, das ihr die Wellness-Industrie für viel Geld verkaufen wolle, ist die Autorin Svenja Gräfen, die das Buch „Radikale Selbstfürsorge jetzt: Eine feministische Perspektive“ (Eden Books) geschrieben hat. „Radikal“, weil es umfassend und ganzheitlich gemeint ist, es geht ihr nicht um einen Quick Fix. In ihrem Buch betrachtet sie Selbstfürsorge als Prozess und tiefe Auseinandersetzung mit sich selbst, auf ganz verschiedenen Ebenen. Lange dachte sie, es gehe bei Selbstfürsorge bloß um Optimierung, damit sie noch mehr leisten kann im Kapitalismus. Und sie empfand es als Feministin weltabgewandt und egoistisch, sich Self Care zu gönnen, während um sie herum so viele Menschen von struktureller Diskriminierung und Gewalt betroffen sind.

Svenja lernte, dass sich Feminismus und Selfcare gar nicht ausschließen: „Zunächst einmal hat es immer eine politische Dimension, wenn ich für mich selbst sorge in einem System, das mich strukturell diskriminiert und ausbeutet. Der Einsatz für Veränderung, für Feminismus und Klimagerechtigkeit beispielsweise, kann langfristiger und nachhaltiger funktionieren, wenn ich mich selbst und meine Bedürfnisse dabei nicht komplett hinten anstelle, sondern radikal selbstfürsorglich bin, zwischendurch innehalte und mich frage, wie viel ich gerade geben kann.“

Wenn wir im Außen suchen

Als sie selbst in einen Strudel aus Überarbeitung und Überforderung geriet und dabei immer noch das Gefühl hatte zu wenig zu tun, änderte sie etwas. Svenja kam in eine tiefe Auseinandersetzung mit sich selbst, lernte ihre Gedankenmuster, Prägungen, Ängste und Bedürfnisse kennen und integrierte Pausen in ihr Leben. Sie lernte: „Ohne Pausen brenne ich aus und verliere im schlimmsten Fall die Hoffnung, die ich brauche, um mich weiterhin für Gerechtigkeit einsetzen zu können.“

„Ich habe ganz viel im Außen gesucht. Mir ging es nicht gut, und irgendwann war klar, ich muss etwas verändern — dann habe ich fast trotzig angefangen, mich mit all dem zu befassen, was ich vorher so abgewehrt hatte: Achtsamkeit, Meditation, Heilung, Spiritualität und eben auch Selbstfürsorge — aber fernab von #SelfCare und teuren Kosmetik-Produkten.“

Heute versucht sie mit sich selbst in gutem Kontakt zu sein. Sie fragt sich ganz konkret, ob ihr Dinge, die sie tut, auch gut tun. Manchmal sind das simple Dinge wie: Habe ich heute schon genug Wasser getrunken und mich genug bewegt? „Ich brauche außerdem viel Schlaf und viel Zeit für mich allein, um zu regenerieren und Kraft zu tanken. Ansonsten ist mir Journaling sehr wichtig. Und ich bin froh, um jeden Spaziergang mit meiner Hündin.“ Außerdem hat sie gelernt sich an stressigen Tagen nicht zusätzlich selbst zu verurteilen und sich dafür fertig zu machen, dass ihr die Gelassenheit fehlt. „Ich kann mich in Selbstmitgefühl üben und darin, nachsichtiger, freundlicher zu mir selbst zu sein.“

Warum glaubt sie, tun sich Frauen so schwer mit der Selbstfürsorge? „Zum einen weil Frauen und weiblich gelesenen Personen in unserer Gesellschaft nach wie vor eingetrichtert wird, dass sie sich um alle anderen kümmern müssen. Darum, dass alles harmonisch ist, egal ob in der Wohngemeinschaft, Beziehung oder Familie.“ Svenja erklärt mir, dass mit diesem Druck ein Verantwortungsgefühl einher geht, das es schwer macht, sich selbst an erste Stelle zu setzen und die eigenen Bedürfnisse und Grenzen ernst zu nehmen. Eines liegt ihr besonders am Herzen: „Radikale Selbstfürsorge sollte unbedingt auch Thema für cis Männer sein, Stichwort Eigenverantwortung — denn viel zu oft laden sie ihren emotionalen ‚Müll‘ bei Frauen ab und erwarten, dass die sich schon drum kümmern werden.“

Der Prozess des Nein-Sagens

Auch mit René Träder, Radiomoderator, Autor, Journalist und Psychologe, der sich viel mit dem Thema Resilienz beschäftigt hat, spreche ich über Selbstfürsorge. Wie ist das bei ihm der viel beschäftigt ist, viele Rollen erfüllt, welche Rolle spielt sie? „ Als Selbstständiger ist es ein Prozess, Nein zu sagen, wenn Anfragen kommen. Ich versuche mir im Laufe des Jahres über einen längeren Zeitraum frei zu nehmen.“ Das sind die Zeiten, in denen er auftankt. „Auch Social Media mache ich nur, wenn ich Lust habe.“ Sein Alltag ist so gestaltet, dass es viele Pausen gibt. Immer mal wieder zwischendurch zur Ruhe kommen. Es sind einige kleine Dinge, die er integriert. Frisch kochen, an die frische Luft gehen, alles was gut tut.

„Es ist eine Herausforderung in der schnellen medialen Welt zu gucken, was uns gut tut.“ Der Nachrichtensprecher klebt im Alltag nicht immer an den Nachrichten, weil sie nicht immer relevant sind und auch weil er weiß, was es mit einem macht, wenn man ständig über die Dinge der Welt informiert ist.  Pausen spielen auch in seinem Buch „Das Leben so: Doch, Ich so: Nein“ eine große Rolle. Hier berichtet er über die Qualität der Pausen und wie gut es tut, sich zwischendurch den einen Atemzug mehr zu gönnen.

Alle drei Bücher der hier gesprochenen Autoren sind eine Hilfe auf dem Weg zu mehr Selbstfürsorge und geben viel Inspiration. Wir legen euch jedes einzelne ans Herz und wünschen uns, dass die Lektüre dazu führt, dass ihr euch selbst ein Stück mehr findet, das Außen ausblendet und darauf hört, was es braucht, damit es euch gut geht.

Titelbild via Unsplash.
Bild Svenja Gräfen @ Paula Kittelmann
Bild René Träder @ Jessi Geib
Bild Tatjana Reichhart @ andreamuehleck.com.

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