Koffer aus dem roter Rauch steigt. Portraits von Beata Korioth, Jochen Drachenberg und Dina Wittfoth

Stress – wie lernen wir einen besseren Umgang?

Wir haben für die aktuelle Ausgabe mit Beata Korioth, Autorin & Bewusstseinstrainerin, Jacob Drachenberg, Deutschlands bekanntestem Stress-Experten und Dina Wittfoth, der Emotionsforscherin aus unserem Podcast-Format „Frag Dina“ über den Umgang mit Stress gesprochen.

Ganz ehrlich? Ich habe die letzten Monate sehr viel gearbeitet und immer stand eine neue Herausforderung vor der Tür. Habe ich mich öfter mal gestresst gefühlt? Lautes Ja. Damit bin ich nicht allein, aber gut, finde ich das nicht. Aber was ist Stress? Eine Situation, in der die eigenen Ressourcen nicht ausreichen? Eine Situation, der wir (dauerhaft) nicht gewachsen sind oder eine Situation, die maßgeblich von unserer Einstellung beeinflusst wird? Wir alle haben Stress schon einmal erlebt, jeder in anderer Intensität oder in einem anderen Kontext. Dennoch tun wir uns schwer, zu verstehen, was sich dahinter verbirgt und wie wir einen gesunden Umgang mit Stress erlernen können.

Ein Gedanke – nicht mehr und nicht weniger

Ich bin mit Beata Korioth aus Köln verabredet, die dreifache Mutter, Atem- und Bewusstseinstrainerin und Autorin des Buches „Goodbye Stress“ ist Expertin für ein Phänomen, was nur wenige erklären können. Sie sagt: „Jeder meint etwas anderes, wenn er das Wort Stress benutzt. Für mich ist es wichtiger zu schauen, was es im Inneren bewirkt. Wir reden alle davon, aber jeder meint etwas anderes. Wenn wir dann in den Körper schauen, sehen wir, dass es zuerst einmal ein Gedanke ist, nicht mehr und nicht weniger.“ Es sind die Gedanken, die dann zu einer Körperreaktion führen.

Bei der Recherche für ihr Buch fand sie heraus, dass es keine wirkliche Definition für Stress gibt. Wir beide können viel anfangen mit der Erklärung der Forscherin Britta Hölzel: „Stress ist das Gefühl, dass die Ressourcen die wir zur Verfügung haben, nicht ausreichen.“ Generell ist Stressempfinden immer subjektiv und irgendwie, so findet Beata, ist es auch ein Narrativ, dass sich durchgesetzt hat. Alle haben ihn, also den Stress, aber niemand, weiß was es genau damit auf sich hat: „Stress ist wie ein Label, dass wir uns auf die Brust packen.“

Wer Stress sagt, meint Angst

Beata hat irgendwann bei sich selbst und ihren KlientInnen herausgefunden, dass Stress eigentlich mehr ein Codewort ist und für Angst steht. Wann immer wir also Stress empfinden, haben wir vor etwas Angst. Aber es ist natürlich leichter von Stress zu sprechen, der ja, obwohl er schädlich ist, gesellschaftlich besser angesehen ist als Angst. Die Kölnerin sagt:

„Stress ist immer eine Angst. Eine Sorge, um etwas. Ein Druck und wenn es nur der Zeitdruck ist, den wir empfinden.“

Beata Korioth


Beata erklärt mir, dass der Begriff selbst noch keine 100 Jahre alt ist und 1936 vom Begründer der Stresstheorie, Hans Seyle, ins Leben gerufen wurde. Damit war damals etwas gemeint, was im Inneren des Körpers auftritt, nicht etwas was von außen auf uns einwirkt. Wie ist das bei Beata selbst, hat sie überhaupt noch Stress? Sie lacht: „Natürlich habe ich Stress. Es ist eine Belastung, ein Leben zu haben. Mit Kindern, mit Unternehmen und mit Eltern. Das ganz normale Leben und die Herausforderungen, die es mit sich bringt. Natürlich reagiere ich auch mal, aber es wird mir schneller bewusst und ich kann aus der Gedankenschleife aussteigen.“

Ganz viel Freude

Beata strotzt vor Freude und einer Lust am Leben. Ihr Motto: „Wenn es keine Freude macht, dann ändere es!“ Es ist diese Freude, die sie immer hat weitersuchen und weitergehen lassen. Übers Yoga kam sie zur Arbeit mit dem Atem und mittlerweile arbeitet sie bereits seit 20 Jahren mit Menschen. Sie lernte, dass alles über den Körper geht, auch die Stressreaktion: „Wenn wir etwas verändern wollen, müssen wir immer den Körper mitnehmen, nur Reden hilft da nicht.“, sagt sie und lächelt.

Natürlich ist auch Beata als Mutter von drei Kindern Stress ausgesetzt und gerät in Situationen, die sie fordern. Aber sie hat gelernt, sich hin durch zu navigieren, bei sich und vor allem im Körper zu bleiben. Sie empfiehlt, dass wir in solchen Situationen zuerst unsere Gedanken überprüfen und dann die Aufmerksamkeit zurück in den Körper holen. Außerdem ist das neurogene Zittern eine Methode, die sie bei ihren KlientInnen anwendet. Zittern, sagt sie, kann jeder, immer und überall und es hilft dabei alten Stress aus dem Körper anzutransportieren.

Die Antwort auf erhöhte Anforderungen

Dina Wittfoth, Neurowissenschaftlerin, Coachin und Emotionsforscherin aus unserer Podcast-Reihe „Frag Dina“, gibt eine sehr klare Antwort darauf, was Stress ist: „Vom Körper her ist Stress eine Antwort auf erhöhte Anforderungen, zum Beispiel wenn wir rennen oder auf einen Baum klettern. Stress kann aber auch durch aufregende Situationen, wie eine Prüfung, entstehen.“ Interessant ist, dass all diese Anforderungen Stress auslösen und das erst mal ganz normal ist.

Ich will von ihr wissen, was in einer akuten Stresssituation passiert? „Körperlich gesehen schießen Adrenalin und Nor-Adrenalin hoch und sorgen für körperliche Bereitschaft. Die Durchblutung verändert sich, die Pupillen weiten sich, der Atem wird schneller – wir sind fokussiert und da. Irgendwann sinkt Adrenalin und Cortisol geht hoch.“ Es wird klar: Wenn wir körperlich voll da sein wollen, werden enorm viele Ressourcen verbraucht. Dina erklärt: „Wenn wir permanent unter Stress stehen, fehlt das Pendeln zwischen zwei Zuständen. Auf der mentalen Ebene ergibt sich ein Teufelskreis, weil wir permanent Anforderungen empfinden, darauf reagieren und die unsere Ressourcen leer machen.“

Auch in dem Gespräch mit ihr wird klar, wie wir mit Stress umgehen, ist eine sehr individuelle Sache. Zum einen rein physiologisch, zum anderen kommt es darauf an, was wir als Stress empfinden. Dina empfiehlt, dass wir uns anschauen, welche Stressfaktoren, wir aktiv ändern können und mit welchen, wir lernen müssen umzugehen.

„Wenn wir eine Sache nicht ändern können, sollten wir schauen, was wir drum herum ändern können, um Stress aus dem System zu nehmen.“

Dina Wittfoth


Stress ist wie Feuer – weder gut noch schlecht

Jacob Drachenberg ist Psychologe, ehemaliger Wasserball-Profi, Autor und Deutschlands bekanntester Stress-Experte. Nach eigenen Erfahrungen mit dem Thema Burnout und Depressionen, hat er zusammen mit seinem Bruder die Drachenberg-Akademie gegründet. Die Drachenberg-Methode vereint Erkenntnisse aus der modernen Psychologie mit Mindset-Strategien aus dem Leistungssport. TeilnehmerInnen lernen sich zu reflektieren, eigene Glaubenssätze zu hinterfragen und neue Perspektiven einzunehmen. Jacob setzt beim Thema Stress weniger auf Vermeidung und mehr auf das Erlernen einer individuellen Stresskompetenz.

Er erklärt mir das Phänomen Stress folgendermaßen: „Stress ist wie Feuer. Feuer ist erst einmal weder gut noch schlecht. Wir können uns damit ein schönes Lagerfeuer machen oder uns daran verbrennen. Es kommt einzig und alleine auf unseren Umgang mit dem Feuer an. Genauso ist es bei Stress.“ Wir können demnach gesund mit Stress umgehen und ihn positiv nutzen, um Ziele zu verfolgen. Auf der anderen Seite kann chronischer Stress zu körperlichen oder psychischen Beschwerden führen. Jacob ist es wichtig, dass wir den Umgang mit Stress erlernen können. Ähnlich wie bei der Achtsamkeit, ist auch die Stresskompetenz eine trainierbare Fähigkeit.

Mache Stress zu deinem Freund

Ein Schritt in die richtige Richtung ist, die eigene Einstellung zu überprüfen. „Die eigene Einstellung beeinflusst maßgeblich unseren Umgang mit Stress. Mein Tipp: Mache Stress zu deinem Freund. Dein Stress will dir etwas sagen. Dein Stress will dir aufzeigen, wo du dich noch weiterentwickeln darfst.“ Für Jacob ist klar, dass eine bessere Perspektive auf Stress auch einen besseren Umgang mit dem Thema ermöglicht.

In der westlichen Welt werden Werte über das Erreichen von Leistungen definiert. Wir haben vergessen, dass Leistungen eben nicht nur unter Anspannung entstehen können. Jacob unterscheidet hier den Push-Modus, wenn etwas unter Anspannung entsteht, und den Pull-Modus, wenn wir in Entspannung kreieren: „Wir können uns das Leben vorstellen wie einen Flur mit vielen Türen. Manche Türen öffnen sich durch Drücken (Push), andere Türen öffnen sich durch Ziehen (Pull).“, erklärt der ehemalige Wasserballprofi. Unterm Strich brauchen wir beides: Anspannung UND Entspannung.

Leider wird der Pull-Modus unterschätzt. In vielen Unternehmen herrscht Leistungsdruck, Überstunden werden als Qualitätsmerkmal angesehen – die Menschen brennen nach und nach aus.“

Jacob Drachenberg


Das Geheimnis für etwas zu brennen ohne dabei auszubrennen, ist eine gesunde Balance aus Push-Modus und Pull-Modus. Jacob ergänzt: „Dazu gehört es, dass Entspannungs- und Stressabbau-Termine fest in den Kalender eingetragen werden. Was nicht im Kalender steht, findet meist auch nicht statt.“ Diese Auszeiten sind extrem wichtig, um Abstand zum Alltag zu bekommen und sich damit auseinanderzusetzen, was einem wirklich Spaß macht.

Für alle, die sich ganz akut sehr gestresst fühlen, hat Jacob drei Tipps: Die Akzeptanz des Status quo – das ist sozusagen die Erlaubnis an uns selbst, menschlich zu sein. Die eigene Wahrnehmung lenken – und zwar auf die positiven Dinge, die sogenannten Highlights. Mehr Zeit für Entspannung – damit sind regelmäßige Termine im Kalender gemeint, die wir dafür nutzen uns etwas Gutes zu tun.

Die Gespräche mit unseren Experten, die Literatur zu dem Thema und zahlreiche Studien belegen: Es ist unsere Einstellung, die uns dabei helfen kann, besser mit Stress umzugehen und ihn weniger kritisch, negativ und als Belastung im Leben anzusehen. Wir glauben, dass wir uns  oder unsere eigentliche Themen allzu oft hinter dem Begriff verstecken. Es erscheint einfacher, sich in die Arbeit zu stürzen, sich unter Aufgaben und Todos zu begraben, als der Wahrheit ins Auge zu blicken oder sich mit ihr zu befassen. Frage dich einfach mal, was dein Muster oder deine Angst ist, die du versuchst hinter Stress zu verstecken.

Bild Beata Korioth @ Cornelis Gollhardt
Bild Jacob Drachenberg @Jakob Nawka

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