Quote aus der Kolumne

Kolumne #embracethechaos – „Määädche, da sind ja noch Möbel drin“

Simone zieht um. Macht Tabula-Rasa in den alten vier Wänden, versickert im Chaos, stellt fest, dass sie alt und erwachsen geworden ist und hat zwischendurch eine kurze Liaison mit dem Maler.

 „Ich packe meine Sachen und bin raus mein Kind, Simone L. ist auf der Reise und hat Rückenwind“ Diese Melodie schwirrt mir seit Tagen durch den Kopf, denn ich bin mal wieder in Vorbereitungen für einen Umzug. Yeah  – ruft es einerseits in mir, den Ausmisten und Ballast los werden, ist geil. Und ich freue mich einfach riesig auf dieses neue Kapitel. Nooo – ruft die andere Seite, denn mir fehlt die Zeit und ich sitze im Chaos.

Die kurze Liaison mit dem Maler

Neben einem Umzugsunternehmen war ich außerdem auf der Suche nach einem Maler, denn ich habe weder Bock noch Muße selbst den Picasso zu spielen. Ich räuchere die alte Wohnung und das neue Häuschen einmal kräftig mit Salbei durch, um alle alten Geister zu vertreiben und die Luft zu reinigen, aber auf Malern habe ich keinen Funken Lust. Ein Vögelchen zwitscherte mir, dass Didi aus Köln ein prima Typ und Maler sei. Wir verabredeten einen Termin, damit er sich die Wohnung ansehen kann. Einen Tag vorher sagte er ab. Er bat mich per Whatsapp ein Video der Wohnung zu schicken. Gesagt getan. Danach quatschte er mir im Kölner Slang aufs Whatsapp-Band: „Mädche, dat is ja in Düsseldorf und da sind ja noch alle Möbel drin. Näää, dat is zu viel Fahrerei, da suchste dir besser nen Düsseldorfer.“

Na ja, wo sollen unsere Möbel auch sonst zwei Monate vor Auszug sein? Ich könnte natürlich mit Gaskocher kochen, das Abendessen auf dem Meditationskissen einnehmen und mich zum Schlafen an die Decke hängen. Gut, das hatte sich dann erledigt mit Didi. Kurze Liaison. Wir haben nicht gefunkt. Danach kam der zweite Maler. Ein eingefleischter Rocker, der mit einem Gerät, aus dem ein kleiner roter Strahl rauskam, alles fachmännisch überprüfte und Messungen anstellte. Danach mussten wir nur noch kurz sein web.de-Problem klären: „Wissen Sie, ich empfange einfach keine E-Mails mehr. Dat spinnt immer, das Postfach.“

Shit, ich werde erwachsen

Ja, ich spinne auch langsam, denn ein Karton stapelt sich hier über den nächsten. Und wie ein Postfach quille auch ich langsam über. Meist werde ich vom Packen abgelenkt, weil ich alte Bilder, Bücher oder Erinnerungen finde. Es ist, als kramt man in seinem alten Leben rum. Ich finde Bilder von mir und dem Mann, auf denen wir einfach sehr jung und faltenfrei waren. Bilder aus Dubai, Sri Lanka und Bali – und mich packt die Reiselust. Aus dem Oman, aus Indien und vom letzten Umzug, zurück von Dubai nach Düsseldorf. Und ich finde lustige Bilder, auf denen ich mit zwei Klappstühlen und Absperrband vor meiner alten Wohnung in Hamburg die Straße abgesperrt habe und eines vom Mann als er dasselbe vor unserer Wohnung in Düsseldorf mit einer Mülltonne tut. Daraufhin habe ich zum ersten Mal bei einem Umzug offiziell ein Halteverbot bei der Stadt beantragt. Dafür habe ich nur fünf Versuche gebraucht, weil das Formular dauernd einen Fehler gemeldet hat. Nach einem kurzen Nervenzusammenbruch habe ich mich dann sehr erwachsen gefühlt. Und sehr gut fühle ich mich, wenn ich Müllsäcke vollmache oder Dinge verschenken kann. Ich finde, es befreit ungemein, Dinge loszuwerden. Raus mit dem Schamott, Platz für Neues.

Leben bis unter die Decke

Befreit werden muss auch unser Keller, denn da stapelt sich das Leben der letzten vier Jahre bis unter die Decke. Jedes Mal, wenn ich den Keller betrete, möchte ich rückwärts wieder rausfallen, weil ich nicht weiß, wo ich anfangen soll. Kinderbettchen, Kinderwagen, Rennräder, Surfbrett, Reisekoffer, Barhocker, Bollerwagen, Wanderrucksack – von allem etwas. Wahrscheinlich werde ich am Samstag 18-mal zum Wertstoffhof fahren und danach einfach kurz umfallen. Oder mich in den Kinderwagen legen und warten, dass mich der Mann durch den Park fährt.

Oder in Tränen ausbrechen, denn ein bisschen komisch ist es schon, die Wohnung zu verlassen, in der unser Sohn geboren wurde, seine ersten Schritte gemacht hat und in der wir gelacht, geweint, gejubelt, gestillt und gestritten haben. Schon verrückt, wie einem eine Wohnung ans Herz wachsen kann. Ich glaube mit den neuen Mietern wird es ruhiger werden. Vielleicht atmet unsere Wohnung kurz auf und denkt: Endlich ist sie weg, die laute Lopez-Sanchez-Crew. Sie zieht weiter. Freut sich auf Garten, Garage, Freiheit, Parkplatz und einen neuen Abschnitt.

Achso, und Möbel stellen wir auch auf!

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