Eine Unterhose mit einem Blutfleck

Free Bleeding – warum wir uns nicht fürs Bluten schämen sollten.

Frauen bluten jeden Monat. Die meisten im stillen Kämmerlein, gesprochen wird wenig darüber. Free Bleeding, die natürliche Art der Menstruationshygiene, ist für viele ein Fremdwort. Redakteurin Corinna Petermeier fragt sich, warum wir uns fürs Bluten schämen und fordert mehr Kommunikation.

Schockiert sitze ich vor dem Bildschirm und schaue Miki Agrawal in ihrem Instagram-Video dabei zu, wie sie als DJane bei einem Festival auflegt und dabei blutet. Nein, sie hat keine klaffende Wunde, sie hat ihre Periode und trägt dies frei zur Schau.

Sie blutet. Frei, unaufhaltsam mitten auf dem Burning Man, dem jährlich stattfindenden Szene-Happening im US-Bundesstaat Nevada in der Wüste, das 9 Tage lang dauert.

Miki Agrwal war Mitbegründerin von Thinx, einer Marke für periodensichere Unterwäsche, und führte das Unternehmen als CEO zu einer Bewertung von über 100 Millionen Dollar. Sie ist Aktivistin und Autorin und gründete zuletzt Tushy – ein Unternehmen, das den amerikanischen Toilettenmarkt mit einem Bidetaufsatz revolutionieren will.

Wohl eher Burning Woman, oder? 

Ich sehe Blut, was aus ihrem Intimbereich am Bein herunterläuft. Ich sehe einen Fußboden, der mit kleinen Blutspritzern übersät ist. Blut,  das niemanden zu interessieren scheint. Menschen – Männer!! – stehen unbeeindruckt neben ihr, tanzen, singen, feiern und haben sichtlich Spaß.

Und ich glotze mit offenem Mund auf den Bildschirm und bin mir meiner Gefühle nicht bewusst. Immer und immer wieder schaue ich es mir an und frage mich, wieso ich zwischen Scham und Bewunderung schwanke. 

Menstruation – normal, oder? 

Jeden Tag menstruieren 300 bis 800 Millionen Menschen weltweit. Ein natürlicher Prozess, bei dem jeden Monat mit Hilfe einer Blutung die Gebärmutterschleimhaut abgestoßen wird. Eine Blutung, die zu Beschwerden, wie Unterleibsschmerzen, Krämpfen, Übelkeit und Erbrechen führen kann. Eine Blutung, die an manchen Tagen stärker, an manchen weniger stark ist.

Aber in jedem Fall ein Zeitraum, der für viele unangenehm und schmerzhaft ist, den Menstruierende aber jeden Monat durchstehen müssen. Einfach ein ganz natürlicher Prozess, der aber nicht für alle normal scheint. 

Warum ist Menstruation so schambehaftet? 

Mein Bruder schämte sich, als er mir meine ersten Binden kaufen sollte, mein Ex-Freund redete sich raus, als ich ihm um Tampons bat und wenn ich bei der Arbeit meine Periode bekomme, hoffe ich jedes Mal, dass ein unangenehmer Blutfleck zwischen den Beinen ausbleibt. Wenn ich heute mit meinen Freundinnen über die beste Periodenwäsche diskutiere oder der Frage nachgehe, wie man denn bloß

Menstruationstassen auf öffentlichen Toiletten ausspülen soll (Gehe ich mit der blutverschmierten Tasse aus der Toilette raus zum Waschbecken, grüße meine alle Anwesenden lieb, spüle sie aus und gehe dann wieder zurück in die Kabine? Oder setze ich es mir direkt am Waschbecken ein?), dann schlagen die Männer die Hände über dem Kopf zusammen. Aber nicht nur die, sondern auch viele Frauen wollen nicht darüber reden. Aber warum ist das so? 

Laut der Hilfsorganisation Plan International wird Menstruation auch heute noch von vielen Menschen als etwas Schmutziges oder Unangenehmes angesehen. Ein Leiden, über das nicht offen gesprochen wird. Ein normaler körperlicher Vorgang, bei dem einige Menstruierende auf der Welt Einschränkungen erleben, denen nicht genügend Hygieneprodukte zur Verfügung stehen oder sogar Verbote drohen.

Die Hilfsorganisation führte 2021 sogar eine deutschlandweite Umfrage durch, in der 1.000 Frauen und Männer unterschiedlicher Altersgruppe zu verschiedenen Themen rund um die Menstruation befragt wurden. Zum Beispiel zu ihrem Wissensstand, Erleben, Einschränkungen, Reaktionen des Umfeldes und Wünsche an die Gesellschaft.

Sie mussten feststellen, dass Deutschland „weit von einer periodenbewussten und perioden-freundlichen Gesellschaft entfernt ist.“ Es wurde deutlich, dass neben Frauen auch Männer etwas brauchen: 60 Prozent der Männer wünschen sich nämlich mehr Aufklärung und Wissen über die Periode. 

Es macht Klick – was man nicht selbst erfährt, beurteilt man(n)

Nur durch Erfahrungen lernt man(n) – eine mögliche von vielen Begründungen für das heute groß erlebte Schamgefühl, oder? Nicht-Menstruierende sehen nur das Blut und nicht, dass es eine biologische Notwendigkeit für unser aller Existenz ist. Sie wissen es einfach nicht besser. 

Aber warum schockiert mich dieses Video? Ich erlebe die Periode doch selbst jeden Monat. Blut ist negativ konnotiert, denn mir wird schlecht, wenn ich es sehe. Meine ersten Impulse sind: Schmerz, Verletzung, Leid, und der Impuls, dass ich mich schützen muss. 

Faule Ausrede? Ja, vielleicht, denn wenn ich genauer darüber nachdenke, dann ist es nicht das Blut, welches mich abschreckt, sondern das kollektiv eingepflanzte Trauma, das Menstruierende immer wieder erfahren. Negative Sprüche, abwertende Blicke, Ekel. „Du blutest, du bist unrein und schmutzig. Bitte verstecke es und lass es mich nicht sehen.“

Immer und überall, so viele Jahre lang. Es geht also – wie so oft – um Bildung. Mehr Wissen, mehr Erfahrung und mehr Kommunikation bedeuten mehr Wertschätzung und Akzeptanz. Lasst uns also miteinander reden. 

Einfach, oder? 

Free Bleeding als politisches Statement

Es tut sich was, zum Beispiel wurde die Tamponsteuer 2020 gesenkt, um ein lebensnotwendiges Hygieneprodukt kostengünstiger zur Verfügung zu stellen. Auf vielen Toiletten finden sich inzwischen kostenlose Hygieneprodukte und jedes Jahr im Mai findet der Welt-Menstruationstag statt. Wir Menstruierende können nicht nur zwischen Tampons, Menstruationstassen und Periodenunterwäsche unterscheiden, sondern jetzt offenbar auch frei bluten.

Und sogar die deutschen Frauennationalmannschaften berücksichtigen die Periode bei ihrer Trainingsplanung. Nichtsdestotrotz – und das zeigt die aktuelle Umfrage – ist es noch ein langer Weg. Wir müssen mehr tun, Menstruation entstigmatisieren, darüber reden, Männer einkaufen schicken, in den Schulen aufklären, auf den öffentlichen Toiletten Hygieneprodukte zur Verfügung stellen. Wir müssen bluten und das öffentlich und frei.

Dennoch: Nicht jede:r muss frei bluten, um sich zu positionieren! 

Wieder schaue ich auf das Video und stelle fest: Ich bewundere diese Frau. Sie wurde beim Auflegen von ihrer Periode überrascht und hat es einfach zugelassen. Vielleicht werde ich beim nächsten Mal, wenn ich von der Periode überrascht werde, auch etwas entspannter reagieren. Ganz auf Hygieneprodukte werde ich jedoch nicht verzichten.

Allerdings werde ich offener mit Freunden und Familie darüber reden, weiterhin laut über meine Periode sprechen und mich dafür einsetzen, dass Hygieneprodukte für alle Menstruierenden frei zugänglich sind. 

Wir sind nicht allein, also lasst uns freier bluten.  

Was ist Free Bleeding? 

Freie Menstruation oder  auch Free Bleeding beschreibt eine natürliche Art der Menstruationshygiene, nämlich ganz ohne Hilfsmittel, wie Tampons, Binden oder Menstruationstassen. Das Blut kann frei abfließen. 

Titelbild @ Monika Kozub via Unsplash


Kategorien Life

Coco ist Gymnasial- und Yogalehrerin, Beraterin und Coach und sie liebt das Meer. Mit ihrer Arbeit möchte sie sich für psychische Gesundheit einsetzen, den Blick für das Wesentliche schärfen und Lebens- und Liebesgeschichten erzählen.

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