im Hintergrund ein Frauen Gesicht versteckt hinter Blättern.Bild von Marion Müller.

Ein Ausflug in die Balinesische Palmblattbibliothek.

Unsere Redakteurin Marion Müller war auf Bali in einer Palmblattbibliothek und hat sich von einem weisen Brahmanen das Palmblatt lesen lassen. Wir wussten ja, dass sie besonders ist, aber dass sie als alte Seele schon im antiken Ägypten mit den Hohepriestern rumgeturnt ist – we are impressed. Im Artikel erzählt sie uns, wie eine Lesung abläuft und was man dabei alles erfährt.

Zu einer Zeit vor unserer Zeit ritzten mythische Weisen die zukünftigen Lebensentwürfe unzähliger Menschen in Palmblätter. Dass diese sogenannten „Rischis“ offenbar damals schon wussten, dass ich, Marion aus Deutschland, ca. 5.000-7.000 Jahre später in einer Palmblattbibliothek irgendwo auf Bali sitzen würde, um mir von einem Brahmanen ziemlich detailgenau erzählen zu lassen, wie ich so ticke und was ich bis jetzt alles in diesem Leben getrieben habe, find ich toll. Und krass. Und überhaupt: hart spannend! Als großer Fan von Abenteuer, Spirituellem, Metaphysischem und Unerklärlichem war für mich klar, das schau ich mir an.

Palmblattbibliothek – was ist das?

Im Grunde sind das große Sammlungen von Palmblatt-Büchern oder einzelnen Blättern, auf denen persönliche Schicksale verzeichnet sind. Warum gerade Palmblätter? Die wachsen direkt vor der Haustür und sind auch getrocknet lang haltbar. Die Autoren dieser auf Blätter gebannten Lebensgeschichten waren Rishis – spirituelle Lichtwesen, die in der sogenannten Akasha-Chronik, dem Weltgedächtnis, lesen konnten. Diese ritzten nicht nur Millionen von Lebensgeschichten, sondern auch konkrete Voraussagen über gesellschaftliche Entwicklungen für die Zukunft auf Palmblätter und hielten sie so für die Nachwelt fest. Die gesammelten Werke und Schätze werden von ausgewählten Familien seit Generationen gepflegt und bewahrt. Brahmanen oder Priester lesen und übersetzen diese Informationen für Ratsuchende in lebensechte, hilfreiche Informationen.

Geschrieben – aber nicht in Stein gemeißelt.

Auf diesen Blättern erfährt man etwas über seinen Lebenslauf, Ambitionen und Talente, seine Lebensaufgabe, mögliche gesundheitliche Themen sowie vergangene und zukünftige Inkarnationen. Inklusive der Information, wann man diesen Planeten wieder verlassen wird. Was schon ein wenig seltsam ist, denn wer möchte schon erfahren, dass er einen Monat später vom Bus überrollt wird. Aber hey, die Brahmanen sagen immer wieder: Nichts ist in Stein gemeißelt. Du kannst mit deinen eigenen Energien die Zukunft immer verändern. Und so ist es, wie in einem Horoskop: eine Momentaufnahme von gut möglichen Wahrscheinlichkeiten. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Ich hab ein gutes Blatt

Irgendwie ist so eine Reise zu einer Palmblattbibliothek gleichzeitig eine Reise in die Vergangenheit und in die Zukunft. Laut Legenden gibt es in Indien 12 Palmblattbibliotheken. Und auf Bali eben auch eine. Das hatte ich gelesen, übers Netz einen Kontakt gefunden, angefragt, Rahmenbedingungen geklärt – und dann unsere Daten, also den Namen, wie er aktuell im Pass steht und Geburtsdatum, übermittelt. In dem Moment, als klar war, es kommt zu einem Termin wussten wir: Bingo, es gibt für uns beide ein Palmblatt. Bis die Antwort kam waren wir schon ein wenig nervös, denn man sagt, dass es für 97% der Anfragenden ein Palmblatt gäbe. Hätte ja auch sein können, dass wir zu den 3% gehören, bei denen die Rishis nicht mitbekommen haben, dass wir 2019 nach Bali kommen. Hatten sie aber dann doch, die Verschränkungen im Raum-Zeit-Kontinuum schienen also gut zu funktionieren.

Jemand hat etwas über uns geschrieben – vor ca. 5000 Jahren

Meine Freundin Ines, mit der ich drei Wochen auf Bali unterwegs war – und die praktischerweise auch für jede Verrücktheit zu haben ist –  hab ich nicht lange überreden müssen. Zwei Tage zuvor hatten wir schon beim Schnorcheln einen Magic Moment mit Stachelrochen. Die Götter waren mit uns. Sehr gut!

Ein Fahrer holte uns aus unserer Unterkunft in Ubud  ab und rumpelte uns gutgelaunt zu einem typisch balinesischen Tempel am Rande einer klitzekleinen Siedlung. Unsere Kontaktperson ist Paul, ein supernetter, gechillter Typ, der uns als Opener seine Palmblatt-Story erzählt: Er war als erfolgreicher Unternehmer in Deutschland todkrank geworden und hat in Indien bei einer Palmblattlesung erfahren, dass er auf Bali Menschen zu Palmblattlesungen bringen wird. Die Information maulig nicht glauben wollen, hat er alles verkauft und ist nach Bali gezogen. Mittlerweile hat er schon über 2500 Lesungen organisiert – bei bester Gesundheit.

Da das Ganze religiösen Charakter hat und wir uns in einem Tempel bei einem Bramahnen befinden, ziehen wir unsere Sarongs an, trinken einen Rosella Tee und bringen uns in feierliche Stimmung. In Bali läuft das Suchen und Finden der Palmblätter anders als in Indien, wo man sich entweder über einen Fingerabdruck oder über gezielte Fragen dem persönlichen Palmblatt nähert. Hier wird das Geburtsdatum in den Pawukon-Kalender, einen religiösen Kalender mit einem irre komplizierten, numerischen System, übertragen. Diese Daten liefern dem Brahmanen in Kombination mit dem aktuellen Namen die Infos, um das richtige Blatt unter den unzähligen anderen Blättern zu finden.

Unser Brahmane sieht original aus wie Mr. Miyagi, dem Lehrer von Karate Kid. Er sitzt mir gegenüber im Schneidersitz und übersetzt die alt-javanesischen Schriftzeichen meines Blattes direkt ins Balinesische. Es klingt eher wie ein Mantra, das von der zarten Dolmetscherin neben ihm ins Englische übersetzt wird. Paul schreibt mit und liefert mir parallel dazu Erklärungen zu Inhalten, Symbolen und dem generellen Procedere der Lesung.

Alles Punktlandungen

Wir beginnen mit drei Symbolen, die dem Brahmanen wichtige Informationen über meine Fähigkeiten, Lebensaufgaben und Charaktereigenschaften geben. Mein Schutzgott ist z. B. Shiva. Mein Tiersymbol die weiße Kuh. Und mein Vogelsymbol Gagak, ein recht kommunikativer, exotischer Rabe, über den sich alle Beteiligten sehr freuen, weil der wohl nicht so häufig auftaucht.

Und dann legt er los: Ich bin Texterin, arbeite im Bereich Marketing und Kommunikation. Es könne gut sein, dass ich auch als Autorin tätig werde. Ich sei sehr kommunikativ, hätte eine ausgeprägte spirituelle Energie, hohe mediale Fähigkeiten und sei ein kleiner Weltenbummler, der es liebt, fremde Kulturen kennenzulernen. Er beschreibt mir recht genau, wie ich durchs Leben gehe und welche Charaktereigenschaften ich habe. Und auch bei meinen körperlichen Schwachpunkten, von mir selbst liebevoll Sollbruchstellen genannt, trifft er voll auf die 12.

Inklusive konkreter Vorschläge und Rituale, wie ich all diesen Informationen begegnen kann. Ich habe zwischendurch das Gefühl, dass der Typ mich gegooglet und heimlich meine Familie und Freunde angerufen hat. Aber mehr als meinen Namen hatte er nicht. Und wenn man Marion Müller googelt bekommt man ungefähr 3.000.000 Hits. Ist schon spannend, was da gerade passiert.

Es folgt ein kurzer Exkurs über die letzten acht Inkarnationen, ob ich da Mann oder Frau war, wo ich genau gelebt habe und was mein Beruf war. Ich sei eine sehr alte Seele, die schon im alten Ägypten mit den Hohepriestern rumgeturnt sei. Und da ich schon so viel ausgelebt und ausprobiert hätte, stehen mir auch noch drei Inkarnationen bevor. Ach echt? Cool. Schade, dass ich mich daran nicht so richtig erinnern kann.

Im anschließenden „Rejeki“ wird in 7-Jahres-Schritten die Qualität der einzelnen Lebensphasen bewertet. Das reicht kurioserweise auch weit in die Zukunft und beschreibt unter anderem den Tag, an dem ich meine körperliche Hülle verlasse. Der liegt erfreulicherweise weit in der Zukunft. Ich hab also, zumindest laut Palmblatt, noch ein paar sehr erbauliche, happy Years vor mir. Mein „Mr. Miyagi“ murmelt zufrieden in sein Bärtchen, dass dies ein sehr schönes, stimmiges Rejeki sei. Vielleicht erzählt er das ja allen, ist mir aber in dem Moment egal. Es geht ja um mein Gefühl, meine Erfahrung, meine Entscheidungen und meine Selbstverantwortung.

Abschließend legt mir dieser zauberhafte Bramahne noch dringend ans Herz, meinen medialen und telepathischen Fähigkeiten bitte noch mehr zu vertrauen.  Und sie auch zu leben, es wäre schade drum. Ich hätte das gottgegebene Talent ganz easy mit den Anderswelten und auch bereits Verstorbenen zu kommunizieren. Dafür wäre es hilfreich ganz mit dem Fleisch essen aufzuhören, sonst würde ich meinem feinen System immer krass einen mitgeben. Von dem System, das für mich sein Leben lassen musste, mal ganz abgesehen.

Etwas hat überlebt

Zwei Jahre später lebe ich tatsächlich noch mehr im Vertrauen auf meine Potentiale oder Talente. Ich spreche Informationen, die ich bekomme und die für meine „Mitspieler“ dienlich oder tröstlich sein können, aus. Selbst, wenn sie manchmal auch für mich erstmal seltsam sind oder keinen Sinn machen. Es hat sich gezeigt: für mein Gegenüber macht das oft sehr viel Sinn.

Und: Ich hab wirklich aufgehört, Fleisch zu essen. Ganz ohne Zeigefinger, einfach meine Entscheidung. Und ja, es fühlt sich richtig gut an.

PS: Der Spaß kostet 160 Euro und dauert ca. 60-90 Minuten. Darin enthalten sind Pick-up und Rücktransport, der Brahmane, die Dolmetscherin und die Erklärungen von Paul. Jedes Reading wird auf Voice-Record aufgenommen und am Ende per E-Mail verschickt, damit man sich alles nochmal in Ruhe anhören kann.

Titelbild @ Elizeu Dias via Unsplash
Portrait @ Ines Zimmermann

0 Kommentare zu “Ein Ausflug in die Balinesische Palmblattbibliothek.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.