Portrait Claudia Haarmann und Foto einer lesenden Schwangeren Frau

Claudia Haarmann im Interview: Wie verändern wir uns, wenn wir Mama werden?

Claudia Haarmann ist Autorin des Buches „Mütter sind eben Mütter. Was Töchter und Mütter voneinander wissen sollten“ und arbeitet als psychotherapeutische Heilpraktikerin. Wir haben im Interview mit ihr über das Muttersein, die große Veränderung und den Einfluss auf unsere Persönlichkeit gesprochen.


Frau Haarmann, wie verstehen Sie den Begriff der Persönlichkeit?

Persönlichkeit ist das, was uns geprägt hat und was wir an Informationen schon ganz früh mitbekommen haben. Mit Informationen meine ich, wie gewollt sind wir, wie glücklich sind unsere Eltern über unser Dasein und ob wir in einem beschützenden Raum groß werden konnten. Erst dadurch kann sich in unserem Körper ein Gefühl von Sicherheit entwickeln, denn erst wenn wir uns geborgen und sicher fühlen, entwickelt sich etwas starkes fundamental Sicheres in mir.

Das wiederum prägt sehr stark unsere Persönlichkeit. Wir sind dann frei, alles, was uns in unserem Kinderleben begegnet, positiv zu bewerten. Wir sind kraftvoll präsent, weil wir unsere Eltern und unsere Mutter im Hintergrund wissen. Ich nehme an, dass Persönlichkeit eine Einheit aus unserem Körper – der geprägt wird durch das, was wir erleben – unserem Geist und unserem stabilen seelischen Erleben ist.

Das bedeutet auch, wenn es etwas gibt, was uns nicht hat sicher sein lassen, prägt das unsere Persönlichkeit und unser Werden sehr stark.


Was ist das Besondere, wenn wir selbst Mutter werden?

Die fragilste Beziehung, die wir Menschen haben, ist die zu unserer Mutter. Sie ist wahnsinnig schön, aber auch sehr fragil. Wie stabil ist unsere Mutter und wie weit war sie in der Lage ihre Liebe zu uns ausdrücken? Ich gehe generell davon aus, dass jede Mutter ihr Kind wirklich liebt. Es ist die stärkste Verbindung, die wir überhaupt in unserem Leben haben. Wir sind nie wieder einem Menschen so nah, wie unserer Mutter. Das ist das Prägende, die Symbiose am Anfang unseres Lebens.
Ich glaube, dass die Erfahrung, die wir mit unserer eigenen Mutter gemacht haben, sehr stark unser eigenes Muttersein beeinflusst.

Inwiefern können wir das, wenn wir selbst Mutter werden, verändern?

Ich würde hier erst mal woanders ansetzen. Bei den Menschen, die zu mir kommen, gibt es zwei Typen. Die einen haben mit ihrer Mutter eine Distanz erlebt. Mütter, die kühl bis kalt und nicht in der Lage sind, körperlich ihre Liebe auszudrücken. Das sind Mütter, die nur funktionieren, reglementierend sind und hohe Ansprüche haben. Die anderen haben Müttern, die zu viel wollen. Mütter, die dreimal am Tag anrufen und eine große Nähe fordern und Töchter, die denken, sie bekommen keine Luft mehr.

Es hängt also alles davon ab, was ich als Kind für Erfahrungen gemacht habe. Das prägt das eigene Muttersein. Eine Mutter, die selbst eine kühle Mutter hatte, wird schnell beschließen, ich mache das anders. Ich werde mein Kind lieben und es ihm zeigen. Dann schlägt es schnell in das andere Gegenteil um. Aus der Vergangenheit und meinem Erleben entsteht dann etwas, was auch nicht die gesunde Mitte ist. Diejenigen, die eine zu große Nähe hatten, die werden sich schwören: Mein Kind, das darf ganz autonom aufwachsen, das werde ich auf keinen Fall erdrücken. All diese Dinge prägen das eigene Muttersein.

Es gibt noch etwas anderes, was mit sehr wichtig ist. Es gibt einen wunderbaren Therapeuten Thomas Harms, der sich viel mit jungen Müttern beschäftigt und eine Schreiambulanz in Bremen hat. Der hat etwas benannt, was ich selbst auch immer wieder beobachte. Wenn man selbst Mutter ist und dieses kleine zu beschützende Wesen auf dem Arm hat, was schreit und wo man gar nicht weiß, was passiert, dann löst dieses kleine Wesen etwas in mir aus an Erinnerung. Das ist etwas in meinen Körper, was ich bis dahin nicht fühlen konnte oder verdrängt hatte. Er beschreibt es so, das etwas an Gefühlen verflüssigt wird. Es kann sein, dass man selbst in eine Art Hilflosigkeit gerät, wenn das eigene Kind weint. Es ist wichtig zu sagen, das ist normal. Ein kleines Wesen kann viel in uns auslösen. Glück und Freude, aber auch Problematisches, was in uns steckt.

Was würden Sie sagen, wie verändert sich die Persönlichkeit, wenn wir Mutter werden?

Sie verändert sich gravierend, denn schon mit der Schwangerschaft wird an einem Punkt vollkommen klar, mein Leben wird sich verändern, denn ich habe für ein Kind Verantwortung. Ich kann meine eigene Freiheit nicht mehr so wahrnehmen. Ich bin nicht mehr nur für mich, sondern ich, oder besser gesagt wir, sind für ein Kind verantwortlich.

Das bedeutet, ich muss das Geld ranschaffen und ich mache mir Gedanken, was will ich dem Kind mitgeben, welchen Platz soll es in dieser Gesellschaft einnehmen und wie gehen wir mit den fatalen Schwierigkeiten in der Welt gerade um? Ich sage das ganz im Ernst, mich bedrückt es sehr, was junge Eltern heute durchmachen. Was bedeutet es, wenn Krieg da ist? Was bedeutet es, wenn wir nicht wissen, wo sich das Klima hinbewegt?

Da finde ich, kommt viel auf junge Eltern zu und das braucht Austausch mit anderen Eltern. Man muss sich damit auseinandersetzen und darf das nicht weg schlucken.


Junge Eltern sind noch mal woanders, als ich es beispielsweise war. In meiner Zeit ging es nur um Aufbau und Wirtschaftswachstum. Das ist heute eine andere Dimension. Diese Verantwortung ist ein großes Thema.

Das Wegschlucken der gesellschaftlichen Themen, aber auch der eigenen Erfahrungen, glauben Sie, dass uns das im Muttersein behindert?

Ja. Es gibt so einen Leitzsatz in meinem Leben, der heißt „Wahrheit öffnet“. Wenn wir anfangen im Kontakt mit anderen Menschen wahrhaftig zu sein und unsere Wahrheit aussprechen, dann öffnet sich etwas aus einem verschlossenen Raum und es kann Licht eintreten. Das ist auch eines der therapeutischen Geheimnisse, dass die Menschen, die zu uns kommen, Dinge aussprechen können, die sie vorher niemals formulieren durften und die sie immer weg geschluckt haben.

Das hat Folgen, das öffnet, das macht freier und stabiler und ist notwendig. Wobei ich deutlich sagen möchte, ich glaube nicht, dass alle Menschen zum Therapeuten müssen. Aber ich glaube, dass innerhalb von Partnerschaften, Beziehungen und Frauen-Freundschaften ein Raum besteht und bestehen sollte, wo man sich offen und ehrlich über das, was einen innerlich betrifft, austauschen kann.

Man denkt ja, das kann ich nicht sagen, das kehre ich liebe unter den Teppich. Früher hieß es, wie es innen aussieht, geht niemanden etwas an. Das macht keinen Sinn und ist destruktiv, denn der Haufen unterm Teppich wird immer größer und man stolpert am Ende darüber.

Wir Menschen brauchen uns, gerade jetzt in dieser Zeit, um therapeutisch ausgedrückt, den Stress, der in uns ist, zu regulieren.


Wenn du immer alles zu dir nimmst und in deiner Angst stecken bleibst, dann steigt der Stress, aber wenn man es teilt mit einem Gegenüber, das einem positiv und wohlwollend gesonnen ist, dann wird man sehen, das beruhigt und man ist nicht mehr allein.

Und wir brauchen die anderen ja auch für unsere Persönlichkeit. Was passiert, wenn wir mit anderen zusammen sind?

Unsere Persönlichkeit formt sich, so glaube ich, durch den Kontakt mit anderen. Sie formt sich durch Beziehungen, im Kontakt zu meinen Eltern, meinen Freunden und zur Peergroup. So wissen wir zum Beispiel, dass bei Kindern, die gemobbt oder von wem auch immer heruntergemacht und respektlos behandelt werden, eine Angst aufgebaut wird. Das Gefühl nicht richtig zu sein, formt den Körper. Dieser zieht sich zurück und man kommt in eine Art „Halbacht-Stellung“, in der man immer in einer inneren Aufgeregtheit ist. Das schränkt uns sehr ein und formt die Persönlichkeit massiv. Ich glaube, Persönlichkeit entwickelt sich am du, am anderen.

Wie können wir, wenn wir Mutter geworden sind, die eigene Persönlichkeit entdecken, aber auch stärken? Viele Frauen haben ja das Gefühl, da ist kein Raum mehr für mich selbst.

Wir werden einen ganz anderen Teil von uns entdecken, die Mütterlichkeit. Das Nährende und das Gebende – das ist sehr schön, wenn man es gut leben kann. Als mein Sohn acht oder neun Monate war, dachte ich, ich bekomme zu viel und die Decke kommt von oben runter. Ich wollte Freiheit. Heute weiß ich, diese Freiheit ist wieder da, das war nur ein Lebensabschnitt. Es wird wieder anders, das muss man sich immer wieder sagen.

Was war das wichtigste Learning als sie Mutter geworden sind und als sie sich wissenschaftlich und journalistisch mit dem Thema für ihr Buch auseinandergesetzt haben?

Respekt. Ich glaube, Respekt fängt schon bei dem kleinen Wesen an. Dass man erkennt, es ist ein eigenständiger Mensch und dass wir verstehen, was Liebe überhaupt bedeutet. Es bedeutet nicht, dass wir uns auf ein Kind stürzen und sagen „ei, ei,ei“, sondern Liebe bedeutet, ich möchte dir nah sein, ich kann dich stärken, indem ich dir Geborgenheit gebe. Gleichzeitig kann ich respektieren, was du und wer du bist, was du mitbringst, dein Wesen und deine Autonomie. Das fängt ganz früh an. In dem Wort Respekt liegt beides – ich liebe dich und ich achte dein Wesen. Bei Kindern und Eltern geht es am Ende immer um diese Form der Liebe.

Haben Sie einen Tipp für Mütter, die den Raum für sich selbst vermissen?

Was immer hilft, ist Unterstützung. Wir wissen heute, dass wir Stress durch Co-Regulation abbauen. Im guten und nicht bewertenden Kontakt mit anderen und das brauchen wir mehr, das ist das Geheimnis. Junge Frauen brauchen das besonders. Wenn das mit Freunden nicht geht, gibt es gute Anlaufstellen, die einem helfen. Man sollte sich Unterstützung holen, das ist kein Mangel oder ein Makel. Ich bin übrigens sehr begeistert von jungen Eltern, denn ich erlebe es, dass sich junge Eltern viel informieren und mit der Bindungsthematik auseinandersetzen. Zum einen durch Bücher aber auch durch Videos auf YouTube – das ist toll, denn Wissen hilft.

Wir danken Frau Haarmann sehr und empfehlen von Herzen ihr großartiges Buch „Mütter sind eben Mütter“.

Über Claudia Haarmann:

Claudia Haarmann ist Autorin zahlreicher Bücher, psychotherapeutische Heilpraktikerin und hat viele Jahre als freie Journalistin für Rundfunk und Fernsehen gearbeitet. Sie ist ausgebildet in systemischer Familientherapie, Traumabewältigung und Bodynamics und führt seit 1999 eine eigene Praxis in Essen. 

Titelbild @ Toa Heftiba via Unspalsh


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